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Samstag, 7. Januar 2012, 11:38

Eine Tour im Jahrhundert-Sommer 2003

Hallo,

ich kopiere mal 'nen nostalgischen Tourenbericht hier rein. In alter Rechtschreibung - hab' keinen Bock drauf, das alles zu ändern. Viel Vergnügen, wird ein sehr langer Bericht...

Mein Ritt durch´s Death Valley (Deutschlands)

Um der Story direkt zu Anfang die Spannung zu rauben, hier also schon mal die Aufschlüsselung des abenteuerlichen Titels: Die im Folgenden näher beschriebene Radtour wird zu einem großen Teil entlang des Rheins stattfinden. Und im Rheintal herrschen im Sommer ´03 - und möglicherweise auch in anderen Sommern - die höchsten Temperaturen. Nur gesellen sich in diesem Sommer noch die praktisch nicht vorhandenen Niederschlagsmengen zu Temperatur-Spitzenwerten von 40 Grad. Das kommt zwar nicht ganz an die bis zu 56 Grad im echten Death Valley (Tal des Todes) in Kalifornien heran, aber wir leben schließlich immer noch in Deutschland. Mal sehen, zu welch lieblichem Bächlein der mächtige Vater Rhein verdampft ist, denke ich mir noch so, als ich starte.

11.8.03: Um 9:30 rolle ich aus Wedau ´raus und in den bekannten Wald hinein. Viel zu spät eigentlich, um der stetig steigenden Hitze noch ein Schnippchen schlagen zu können. Der Schatten der Bäume spendet momentan ein wenig Kühle, insofern man bei sicherlich 28 Grad von Kühle reden kann. Schnell habe ich das Waldstück verlassen und fahre die B8 nach Düsseldorf ´rein, wo mein freudiges Auge ein grün-weißes Auto und die dazugehörigen Freunde & Helfer entdeckt. Direkt an meinem Wege gelegen; na, ob ich da nicht mal nach dem kürzesten Weg zum Rhein fragen sollte ?! Um sofort wieder meinen schwach ausgeprägten Orientierungssinn zur Sprache zu bringen: Ich habe oft Schwierigkeiten, meinen Weg zu finden. Ganz speziell trifft dies aber auf große (oder auch nicht so große) und fremde (oder auch nicht ganz so fremde) Städte zu.

Und übrigens: Es soll nach Ludwigsburg bei Stuttgart gehen - hätte ich fast vergessen. Vor vier Jahren bin ich schon einmal mit meinem Zossen dort gewesen, aber: In vier Jahren fließt viel (legiertes) Wasser den Rhein hinunter. Oder mit anderen Worten: Nach vier Jahren kann man schon mal vergessen haben, wo´s genau lang ging. Die Uniformierten helfen mir freundlich weiter und rasch befinde ich mich direkt auf dem Radwanderweg am Rhein. Komisch, sooo schmal ist der gar nicht geworden, aber nach vier Jahren hat man ja schließlich nicht den direktesten Vergleich. Obwohl: Vor sechs Wochen, als ich von meinem Eifeltrip zurück kam, bin ich ja auch am Rhein entlang gefahren. Na, ja, da hat es auch nicht gerade wie aus Kübeln gegossen.

Eigentlich hat es schon seit Februar kein richtiges Regenwetter mehr gegeben. Egal, der Rhein ist halt jetzt so, wie er ist und ich habe mich trotz all der Fragerei - oder genau deshalb? - schon wieder so verfahren, daß ich mich im Düsseldorfer Hafengebiet wiederfinde. Ich ergebe mich meinem Schicksal und folge einfach der Straße, auf der ich gerade fahre. Hilfloses In-der-Gegend-´Rumstarren bringt mich auch nicht weiter, zumal man in Gewerbegebieten eher seltener Passanten antrifft, die man fragen könnte. Doch dann geschieht das Unfaßbare ! Mein Blick fällt auf ein Stück Brachland zwischen zwei Firmengeländen.

Und dahinter sieht es ganz danach aus, als fließe dort der Rhein ! Ich holpere über den Bauschutt hinweg und gelange tatsächlich auf einen Radweg, der parallel zum Fluß verläuft. Und schlage sogar die richtige Richtung ein. Da hat der liebe Gott ganz bestimmt mächtig den Kaff´ auf gehabt, wollte sich diese Misere nicht länger mit ansehen, ließ kurzerhand eine nicht mehr genutzte Lagerhalle einstürzen und wies mir so den Weg. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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rogger, toktok

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Samstag, 7. Januar 2012, 11:49

Teil 2:

Nach einigen - aber für meine Verhältnisse doch wenigen - Ungereimtheiten erreiche ich das jenseitige Ufer und bin schon in Neuss. Vor vier Jahren hab´ ich mich dort ganz fürchterlich verfranst, bei der Eifel-Rückfahrt letztens klappte es erstaunlich gut. Beim ´Runterfahren von der Brücke bemerke ich schon, daß es sich um eine andere Brücke als kürzlich handeln muß; das ist eine vollkommen andere Gegend hier. Der Einfachheit halber folge ich der Brückenabfahrt, die einen 90-Grad-Bogen nach rechts beschreibt. Als ich auf eine weitere Straße treffe, biege ich (rechtwinklig) nach rechts ab und müßte somit eine 180-Grad-Kehrtwende vollbracht haben. Oder anders ausgedrückt: Ich müßte geradewegs auf den Rhein zufahren. In die nächste Straße biege ich abermals rechts ein und sollte mich jetzt eigentlich wieder parallel zum virtuellen Rhein befinden.

Vorsichtshalber frage ich aber noch ein älteres Ehepaar, das auch mit Rädern unterwegs ist. Regelrecht euphorisch bestätigen sie mich in meiner Auffassung, auf dem richtigen Weg zu sein. Ja, dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen - bis Koblenz. Diese Stadt muß man sich ungefähr so vorstellen wie Neuss oder auch Düsseldorf, nur ein bißchen anders halt. Natürlich mit meinen Augen, meiner Sicht der Dinge und meinem Sinn für die Irre. Oder Irrsinn ?! Doch bis nach Koblenz werde ich heute nicht mehr kommen, weshalb ich´s nun unbekümmert laufen lassen kann. Nach nicht allzu langer Strecke sehe ich ein Radweg-Umleitungsschild, dem weitere Wegweiser folgen.

Kein Grund zur Besorgnis, also. Bis es keinen Wegweiser mehr gibt oder ich keinen mehr sehe. Ist im Moment auch absolut nebensächlich, jedenfalls habe ich mich schon wieder verfahren. An einem - relativ schattigen - Bushaltestellenhäuschen im Ort beschließe ich, eine erste Pause einzulegen. Dem Plakat an einer Litfaßsäule kann ich entnehmen, daß ich mich wohl noch immer in Neuss befinden muß - ein Schützenfest wird angekündigt. Für heute.

Während ich so da sitze und mir zwei belegte Brote einverleibe, überquert auch schon ein Jungschütze die Straße. In der standesgemäßen Uniform selbstverständlich, mit Hut und Federschmuck. Schön in schwarz und grün. Bei inzwischen wohl 35 Grad im Schatten, aber er geht in der Sonne. Normalerweise müßte er mir ja leid tun, aber er tut es ja freiwillig. Obwohl: Wenn ich die gebeugte Körperhaltung und den Gesichtsausdruck des vielleicht 15jährigen genauer betrachte, erinnert er mich eher an einen geprügelten Hund. Ein erfrischendes Lächeln huscht über mein Gesicht. Die Insassen der klimatisierten Autos werden sich bei meinem Anblick aber ebenfalls fragen, wie jemand bei dieser extremen Hitze eine Radtour unternehmen kann.

Ich entscheide mich dafür, den Rhein links liegen zu lassen und der B9 zu folgen. Nach vielleicht einer Viertelstunde frage ich einen Mittfünfziger auf der anderen Straßenseite, ob diese Straße hier nur zufällig Bonner Straße heißt oder ob sie wirklich Richtung Bonn führt. Der Mann gibt mir in seiner ganz speziellen Art zu verstehen, daß ich, wenn ich mich nicht zu dämlich anstelle, auf dieser Straße bis nach Bonn käme. Wenig später bemerke ich, daß es sich sogar um die B9 handelt. Womöglich kam sich der Mann leicht verarscht vor. (?)

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 11:58

Teil 3:

Zugegeben, es gibt schönere Wege gen Süden, für Radfahrer allemale. Aber im Augenblick geht es mir in erster Linie darum, etwas voran zu kommen. Und genau das funktioniert auf der Bundesstraße ziemlich gut. Alle paar Kilometer mal eine Ampel, doch sonst hindert nichts meinen Vorwärtsdrang. An den Ampeln wird mir immer wieder bewußt, wie heiß es wirklich ist. Bei jedem Halt fehlt natürlich der Fahrtwind, der zwar auch nicht eben kalt ist, dafür aber wenigstens in Verbindung mit dem Schweiß auf den unbedeckten Körperflächen für die sogenannte Verdunstungskälte sorgt. Bei den sporadischen Schlucken Eistee kommt mir in den Sinn, daß das Zeug ja gar nicht - wie man so schön sagt - pißwarm ist. Nein, mein Eistee ist mit Sicherheit wärmer, doch warme Getränke löschen besser den Durst.

Ich deklariere mein Getränk als warmen Früchtetee, dann erscheint es nicht mehr ganz so pervers. Irgendwo vor Dormagen (oder auch danach) gelange ich auf einem Deichweg wieder in Sichtweite zum Rhein. Alles kommt mir plötzlich wieder bekannt vor: die kleine Ortschaft, durch die ich letztens auch kam, die Ford-Werke in Köln-Niehl, wo der Weg so gut ausgeschildert ist, daß selbst solche wie ich nichts falsch machen können, der Weg zurück zum Rhein, der Kölner Dom...

Nach einer kurzen Rast am Kölner Rheinufer schließt ein anderer Tourenfahrer zu mir auf und beginnt ein Gespräch. Schnell stellt sich heraus, daß wir ziemlich auf einer Wellenlänge sind; sowas erfreut das Tourerherz ungemein. Bei Godorf ergibt sich ungefähr folgender Dialog. Rene:,,Datt is´ au´ imma en schönet Bild hier, die Raffinerie.‘‘ - ,,Jou, is´ do´ klasse. Richtich Industrie-Romantik un´ so. Hier kannze prima wild zelt´n, ´ne Gaslampe brauchße au´ nich´ im Zelt. Datt Licht vom Abfackeln reicht locka.‘‘ - So lästern und fahren wir weiter. Rene erzählt mir, daß er schon mal in einem Rutsch von Köln, seinem Wohnort, nach Heidelberg gefahren sei. Weiterhin gibt er zu verstehen, daß wohl zumindest diese Tour unter dem Low-Budget-Stern steht, was die Übernachtungskosten angeht.

Er fährt am liebsten ganz früh morgens oder in der Abenddämmerung und nimmt es abends eben manchmal in Kauf, keine offizielle Unterkunft mehr zu finden. Wenn ich allein unterwegs bin, campe ich nicht mehr so gerne wild wie mit Anfang 30. Rene ist vielleicht 25 bis 28, in dem Alter habe ich auch noch vieles anders gesehen. Sogar sehr viel anders, aber das ist ´ne andere Geschichte. Wir passieren Bonn und schon wenig später erreichen wir genau den Campingplatz, auf dem ich vor vier Jahren auch genächtigt habe. Ich beschließe, wieder hier zu campen. Rene schießt ein Erinnerungsfoto, ich gebe ihm meine Adresse, dann wünschen wir uns gegenseitig eine gute Fahrt.

Ich parke meinen Zossen vor dem Rezeptions-Kneipen-Zirkuswohnbauwagen, gehe hinein und erkenne die Platzchefin sofort wieder. ,,Gut´n Amnd, ich möchte gerne für eine Nacht hier zelt´n. Ich war vor vier Jahr´n scho´ ma´ hier un´ datt hat mir damals ganz gut gefall´n.‘‘ - ,,Datt möcht´n viele.‘‘ - Ich halte das für einen verunglückten Humor-Versuch und frage, was denn nun sei. Ja, normalerweise ginge das nicht, nur Campingwagen und so, blabla. Sie müsse erst ihren Mann fragen. Die Frau verläßt die Bauwagenkneipe und ich stehe da wie blöd. Ich frage eine Frau, die an der Mini-Theke steht und bei der es sich wahrscheinlich um einen Campingplatz-Dauergast handelt, ob rheinaufwärts vielleicht noch ein Zeltplatz zu erwarten sei.

Sie gibt irgendwelche unverständlichen Brummelgrummellaute von sich. Zwischendurch erscheint ein Mann im Wagen, der mich jedoch professionell ignoriert. Ich verlasse wortlos den Zirkuswagen, schwinge mich auf den guten alten Brooks-Sattel und fahre weiter den Rhein hinauf. Bevor ich da noch länger warte und anschließend nicht weiß, wo ich die Nacht verbringen werde, fahre ich lieber weiter, sammele schöne Kilometer - und weiß eben dann nicht, wo ich die Nacht verbringen werde. Wär´ ich mal besser mit Rene weitergefahren.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 12:43

Teil 4:

Na, ja, es läuft immerhin richtig gut. So gut, daß ich die ganze Nacht durchfahren könnte. Nur müßte ich dann tagsüber irgendwo schlafen - ich verwerfe diesen Gedanken schnell. Und überhaupt: Nachts mit 2,4 Watt Scheinwerferlicht auf Wegen unterwegs zu sein, an die man sich kaum noch erinnert, ist auch nicht jedermanns Sache. Nach einigen Kilometern stelle ich bei einem eher zufälligen Blick nach rechts fest, daß sich dort ein recht langgezogenes Campingplatz-Gelände erstreckt.

Die goldene Meile lautet sein Name, der mich zwangsläufig an Sankt Pauli erinnert. Aber ich sehe Zelte, richtig kleine Zelte auf dem Platz; also ist da auch Platz für mich. Freundlich werde ich begrüßt, die Formalitäten sind schnell erledigt. Ich könne mir irgendeinen Platz aussuchen, läßt mich die Frau wissen. Es sei ja nur für eine Nacht und somit auch egal, wenn ich einen Platz belege, auf dem eigentlich nur Campingwagen stehen. Ich bin erleichtert und schlage mein Zelt etwas abseits auf.

Obwohl ich total verschwitzt und mit kleinen toten Insekten gespickt bin, die im Sunblocker-Schweiß-Mix kleben geblieben sind, schiebe ich den Gang zur Dusche so lang wie möglich hinaus. Es ist immer noch so schwül, daß ich eine halbe Stunde nach dem Duschen direkt wieder duschen könnte. Derweil esse ich zu Abend (Brot und Müsliriegel zu warmem Früchtetee) und fahre danach erst mal in den Ort (irgendeinen Stadtteil von Remagen), um Getränkenachschub zu besorgen. Zwei 15jährige Bengels, die ich nach dem Weg zu einer Tankstelle frage, fragen mich im Gegenzug nach einer Zigarette. Sie dürfen sich eine drehen und erklären mir genauestens den Weg. Und tatsächlich finde ich die Tanke.

Ist zwar recht teuer, aber die Supermärkte haben bereits geschlossen. Wieder zurück am Zelt, packe ich meine Kulturtüte aus und begebe mich zu den Waschräumen. Diesmal habe ich sogar Badelatschen im Gepäck; auf die Akrobatik bei den letzten Touren, sich nach dem Duschen trockenen Fußes und trockener Socke durch Unterhose, Radlerhose und morsche Jeans in die Buffalos würgen zu müssen, hatte ich diesmal keinen Bock. Auf Marken für´s Warmduschen habe ich wieder verzichtet und dusche kalt. Wobei kalt auch wieder sehr relativ ist, denn als kalt würde ich das Wasser nicht gerade bezeichnen. Vermutlich sind die Leitungen schon so aufgeheizt, daß das Wasser gar nicht mehr kalt sein kann, wenn es den Duschkopf erreicht hat.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 12:46

Teil 5:

Nach dieser Aktion darf der gemütliche Teil des Tages eingeläutet werden; ich krame die kleine Gaslampe aus einer Packtasche. Ich hatte zu Hause nicht mehr nachgesehen, ob der Glühstrumpf noch okay ist, habe für alle Fälle aber ein Ersatzteil dabei. Selbstverständlich tritt dieser Fall ein, doch es ist immer noch hell genug für einen Glühstrumpfwechsel. Anhand der kleinen Bildbeschreibung versuche ich also, ein neues Strümpfchen über die Gasdüse (oder wie immer man das nennen mag) zu stülpen.

Und meine, es auch richtig gemacht zu haben. Jetzt nur noch das Gas aufdrehen und den Strumpf am Rand anzünden. Wie letztens im September ´02 mit Konni in der Nähe von Quakenbrück (Westfalen). Es gokelt und qualmt nur ganz fürchterlich, aber sowas wie Licht will sich nicht zeigen. Ich drehe das Gas etwas mehr auf und halte das Feuerzeug ein paar Sekunden später erneut an den - mittlerweile schwarzen - Glühstrumpf. Wwwusch !!! Ein Feuerball von ca. 30 Zentimetern Durchmesser flammt auf - und das war´s. Klasse, da hätte ich die Lampe auch direkt zu Hause lassen können; in den zusätzlichen Stauraum hätte gut ´ne 0,5-Liter-Flasche Eistee gepaßt. Ich habe zwar noch einen Glühstrumpf dabei, doch der würde das gleiche Schicksal erleiden. Ganz sicher, denn irgendwas mache ich garantiert verkehrt.

Bei den letzten paar Lux oder Candela (oder welche physikalische Einheit auch immer die Leuchtstärke bezeichnet) der fast untergegangenen Sonne erledige ich meine Tagebucheintragungen. Noch eine Zigarette, dann verziehe ich mich ins Zelt. Da so ein Zelt natürlich nicht besonders gut den Schall dämpft, bekomme ich zwangsläufig Satzfetzen der vorbeigehenden Campinggäste mit. Ist auch recht kurzweilig. Kurioserweise waren es heute übrigens 143 km - genau soviel wie vor vier Jahren. Nur campte ich damals ja auf dem Platz, auf dem ich heute nicht bleiben wollte. Und der liegt ca. 10 km zurück. Wird gewiß daran liegen, daß ich mich ´99 ganz derbe in Neuss verfahren habe. War also doch nicht kurios.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 12:52

Teil 6:

12.8.03: Um 5:51 nehme ich zum ersten Mal das Display meines Reiseweckers oder auch Bike-Computers oder lieber Tachos wahr, bleibe aber noch zwei Minuten liegen, um die nun anstehenden Aktivitäten genau zu koordinieren. Das ist eigentlich der übelste Teil eines jeden Tourentages für mich: Ich weiß schließlich, daß mir noch eine Menge ungeliebte Arbeit auflauert. Auf der Geschafft-haben-Seite steht um 5:51 noch gar nichts, auf der Muß-noch-gemacht-werden-Seite dagegen alles ! Ich hab´ nicht mal eine einzige Socke am Fuß, ja, selbst der Reißverschluß des Schlafsacks ist noch keinen Millimeter weiter geöffnet als in den Stunden des Schlafes zuvor.

Als kleine Motivationshilfe parke ich die Gaskartusche nebst Kocher, Kessel, Tasse und die Filmdöschen mit Cappuccino und Süßstoff immer in Augenhöhe. So muß ich mich nur um einen Schluck Wasser kümmern, um mir höchst abenteuerlich einen gelungenen Start in den neuen Tag zu zaubern. Wie gewohnt, verbrenne ich mir - aber nur ganz leicht - beim ersten vorsichtigen Schluck an der heißen Edelstahltasse die Lippen. Während ich genüßlich eine VAN NELLE zware rauche - nein, keine Tabakwerbung! Ich genieße es wirklich! -, wird mir bewußt, daß es für 6:30 schon wieder ganz schön warm ist.

Während der üblichen Zeltabriß- und allgemeinen Einpack-Aktion ziehe ich mir ein paar Brote und Müsliriegel ´rein. Im Gegensatz zu gestern kann man die Riegel wieder halbwegs vernünftig essen, will heißen: Sie haben wieder eine annähernd feste Konsistenz angenommen, man muß sie nicht mehr wie eine Müsli-Schoko-Paste aus der Verpackung drücken. Und der Käse auf den Broten (die mir natürlich mal wieder mein Roselörkän zubereitet hat) wirft keine Blasen mehr. Ohne Witz, die Brote schmeckten gestern beinahe wie Hawaii-Toast - nur ohne Ananas und Schinken.

Was sieht die Tourenplanung für die heutige Etappe vor ? Es gilt praktisch nur, Bingen-Kempten zu erreichen. Vor vier Jahren waren das 128 km, jetzt müßten es weniger sein, da ich ja einen Vorsprung habe. Mich erwartet - wenn ich es richtig in Erinnerung habe - das schönere Stückchen Rhein. Einzig die Tatsache, daß irgendwo zwischen hier und Bingen das böse, böse Koblenz bezwungen werden will, trübt die Aussichten ein wenig. Leider habe ich für die Region, in der ich mich derzeit bewege, kein Kartenmaterial dabei. Auf der Rhein-/Neckar-Fahrradkarte, in die ich erst noch ´reinfahren muß, ist allerdings am oberen (nördlichen) Rand die Entfernung bis Koblenz verzeichnet: 55 km.

Nach groben Schätzungen müßte die Entfernung von hier bis Koblenz kürzer sein als die von Bingen bis Koblenz. Na, dann los ! Ich bin gespannt auf die Orte und Teilstrecken, die mir bekannt sein werden. Schon nach einer Viertelstunde sehe ich mich genötigt, an einer überdachten Holzbrücke über - vermutlich - einen Nebenarm des Rheins ein Foto zu schießen. Die Brücke paßt irgendwie nicht nach Deutschland. Zwei Sekunden, nachdem ich die Szene im Kasten habe, höre ich ein recht lautes Bersten und Krachen und sehe gerade noch, wie ein großer Ast von einem ca. 100 Meter entfernt stehenden Baum durch´s restliche Geäst zu Boden kracht.

Aha, das ist also mit den Vorsicht-Astbruchgefahr-Schildern gemeint. Unproblematisch geht meine Tour weiter, Andernach und wie die kleinen Orte alle heißen, sind schnell passiert. Die Sonne brennt wieder erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel, doch daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Nun aber sehe ich mich mit etwas konfrontiert, an das ich mich sehr wahrscheinlich nie gewöhnen werde: Koooblenz !

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 12:59

Teil 7:

Die bisherige Bilanz sieht folgendermaßen aus: ´99 war´s ein Chaos. 2001, als ich Ernst auf dem Weg in den Süden begleitete, war´s ein Mega-Chaos. Aber da hatten wir uns - allerdings rechtsrheinisch - bereits am ersten Tag so dermaßen verfranst, daß wir´s nur bis Köln-Langel schafften - und der Tageskilometerzähler trotzdem 114 km anzeigte. Oder gerade deswegen. Der dritte Versuch im Mai ´02 verlief sogar recht reibungslos, aber da war neben Ernst auch noch Konni dabei und ich kümmerte mich praktisch um gar nichts. Und jetzt ?!? Tja, schon nach wenigen Minuten weiß ich zumindest eines: Diesmal könnte es wieder etwas länger dauern. Die Radfernwegweiser habe ich natürlich aus den Augen verloren, zudem befinde ich mich am Rande des Betonknäuels, den ich nur schlecht beschreiben kann.

Aber weil es Dich als Leser(in) womöglich interessieren könnte - und meine Unfähigkeit ein wenig relativiert -, will ich´s trotzdem mal versuchen. Nehmen wir mal eine ganz normale Kreuzung, die sich jeder vorstellen kann. Bezeichnen wir die Straße, auf der wir auf die Kreuzung zufahren, als A. Die Straße von links ist B, die auf der anderen Seite C und die von rechts D. 50 Meter, bevor A auf die Kreuzung (ich nenne sie der Einfachheit halber mal X) trifft, wird die Straße unterirdisch gekreuzt. X ist übrigens nur hypothetisch vorhanden.

Bevor A,B,C und D nämlich aufeinander treffen könnten, splitten sie sich jeweils in zwei weitere Wege auf, die nach links und rechts einen Bogen beschreiben, der nach 180 Grad wieder in eine Gerade mündet, dort von jeweils einem Weg gekreuzt wird, der wiederum jeweils A,B,C und D kreuzt. Jeweils 50 Meter vor X. Unterirdisch. Von jedem unterirdischen Weg zweigt wieder ein Weg ab, der so ansteigt, daß er in weitem Bogen irgendwo A,B,C und D überquert. Ja, ja, richtig, praktisch als Brücke. Und hier und da gibt es dann auch Möglichkeiten, so abzubiegen, daß man diesem Irrgarten entrinnt. Alles klar ?!

Nachdem mir dies gelungen ist, frage ich einen Passanten nach dem Weg zum Rhein. Die Route, die er mir beschreibt, endet an einer stark befahrenen Straße ohne Radweg, die mich wieder schön zum Betonknäuel führt. Ich frage einen älteren Herrn, der auf eine dieser kleinen Brücken zeigt und sagt:,,Seh´n Se, da, wo der Mann eben langging, müssen Sie auch hin !‘‘ - ,,Und wie komm´ ich dahin ?‘‘ - ,,Ganz einfach. Sie fahr´n jetz´ hier ´runter und biegen hinten links ab.‘‘ - ,,Viel´n Dank auch ! Ohne Ihre Hilfe wär´ ich noch Stund´n hier ´rumgefahr´n.‘‘ - Es bedarf eigentlich keiner Erwähnung: Ich finde mich natürlich NICHT auf der kleinen Brücke wieder, über die eben der Mann ging. Auf´s Geratewohl lande ich in einer Gegend, die mir ziemlich bekannt vorkommt.

Dort erkundige ich mich bei einem schicken Pärchen, das einem schicken Auto mit Koblenzer Kennzeichen entsteigt, nach dem Weg. Nicht so schick ist der Umstand, daß die beiden mit Radwegen eher weniger anzufangen wissen. Nach einer guten Stunde und diversen weiteren Frage-Aktionen gelange ich endlich wieder auf korrekten Kurs. Puuh ! Darauf erst einmal eine ausgedehnte Pause, denn jetzt kann bis Bingen eigentlich nichts mehr schiefgehen. Während ich da sitze, kommt eine Fußstreife des Weges. Ich vergewissere mich noch mal, ob ich jetzt wirklich auf dem richtigen Weg bin. Eine rein rhetorische Frage also an den Beamten, der natürlich nicht wissen kann, daß ich zu 99% im Bilde bin.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Samstag, 7. Januar 2012, 13:06

Teil 8:

Es geht noch ein Stück direkt am Rhein entlang, dann folgt der Part, auf dem ich´s so richtig laufen lassen kann: der Radweg neben der Bundesstraße, vermutlich die B9. Hier sind die Abstände zwischen den einzelnen Ortschaften so groß, daß keine Fufgänger mehr unterwegs sind. Nur selten kommt mir ein Radfahrer entgegen, überholt werde ich nicht. Die Sonne kommt auf überwiegend baumloser Strecke logischerweise besonders gut zur Geltung. Zu meiner Linken liegt der Rhein, vom Rad-/Fußweg abgetrennt durch eine steile Uferböschung und eine Leitplanke. Rechts die B9, daneben der etwas erhöhte Bahndamm, flankiert von Weinbergen, Fels oder Buschwerk. Möglichst schnell durchstreife ich Orte wie St. Goar, Bacharach und Co., die während der Ferien an jedem Wochentag mit Touristen vollgestopft sind. Ich bin ja auch einer.

Irgendwann führt mein Weg durch die Kleingarten-Kolonie (die B9 ist nun nicht mehr mein Begleiter), von der aus es nicht mehr sehr weit bis nach Bingen ist. Es folgt ein Bahnübergang, nach dessen Überquerung ich wieder auf einer Straße (die B9 ??!) weiterfahren muß. Den nur links vorhandenen Radweg benutze ich nicht mehr, denn erstens ist er seeehr schlecht, zweitens ist er sooo schmal, daß ich jonglieren müßte, um nicht ständig mit der an der linken Packtasche baumelnden Cappu-Tasse an der Leitplanke entlang zu schrappen. Und drittens muß man ja auch mit Gegenverkehr rechnen - da müßte dann eh einer ´runter vom Weg.

Ganz wie bei den Alpen-Heimat-Thrillern der 50er: Sepp vom Prickingshof und Kurti, der Wilddieb, stehen sich auf wackliger, schmaler und morscher Hängebrücke 300 Meter über der Höllentalklamm gegenüber und beginnen einen Kampf. Ein Geländer gibt´s nur auf einer Seite. Wie hier, die Leitplanke. Nein, da benutze ich lieber gleich die Straße (Schlucht) und nehme den gefährlichen Verkehrsstrom (reißender Wildbach) billigend in Kauf.

Ein gelbes Schild mit schwarzer Schrift verkündet: Bingen ! ´99 habe ich mich auch hier hervorragend verfahren, im Mai ´02 fiel es mit Konni und Ernst schon wesentlich leichter, den Campingplatz zu finden. Und in diesem Jahr, heute, jetzt ?!? Nein, ich muß Dich enttäuschen ! Es endet nicht im Desaster. Ich kann es selbst kaum fassen, denn mit der Sicherheit eines 120jährigen Bingener Ureinwohners fahre ich den Weg über die altbekannte Brücke, rolle triumphierend an der liebgewonnenen Schiffswerft Bingen vorbei und erreiche schon nach wenigen Minuten den üblichen Campingplatz. So, als hätte ich nie etwas anderes getan. Gott wollte wohl gerade Feierabend machen und sich diesen nicht durch ein Trauerspiel versauen lassen - das ich ihm mit Sicherheit geboten hätte.

Ich parke meinen Zossen gegenüber der Kiosk-Rezeption und stelle mich in der Reihe an. Die Leute vor mir kaufen Getränke. Ich bin dran und trage mein Anliegen vor. Auf die Duschmarke will ich verzichten, aber der junge Typ meint, ich brauche auch zum Kaltduschen eine Marke. Ich stutze etwas, kaufe ihm aber eine Marke ab, um den Zirkus zu beenden und endlich mein Lager aufschlagen zu können. Der Rasenstreifen von ´99 und ´02 ist komplett belegt, nur am Ende wäre vielleicht noch eine kleine Lücke zwischen zwei größeren Zelten. Ich rolle auf das Zelt links dieser Lücke zu und grüße die zwei vielleicht 28jährigen Typen mit einem Hallo. Die beiden Jungs blicken kurz auf, kriegen es aber nicht in die Reihe, mehr als ein asthmatisches Grunzen über die Lippen zu bringen.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

9

Samstag, 7. Januar 2012, 13:10

Teil 9:

Das ist mir zu doof, neben denen werde ich nicht zelten. Ich drehe eine Runde auf dem Gelände, obwohl ich vermute, daß sowieso nur der vordere Teil des Platzes für Leute wie mich gedacht ist. Und ich vermute natürlich richtig, hinten ist alles mit Wohnwagen zugestellt. Sie scheinen teilweise regelrecht mit ihrer Umgebung verwachsen zu sein. Auf der anderen Seite des Schotterweges - also direkt gegenüber der beiden Grunz-Typen - ist noch ein Platz frei. Neben anderen Zelten, von denen ich gar nicht weiß, wer sie bewohnt. Mal überraschen lassen. Ich nehme erst mal die Schlafsack-Tasche vom Lenker, setze mich drauf und rauche eine Zigarette zum wohltemperierten Eistee.

Der Rasen - oder das, was davon übrig ist - sieht nicht so toll aus. Ich fahre zur nahegelegenen Tanke und decke mich mit Getränken ein. Zurück am Platz, gebe ich mir einen Ruck und beginne im Schneckentempo, das Zelt auszupacken und aufzubauen. Zum Glück sind die Heringe bei diesen Iglu-Zelten nicht so wichtig, denn ich kriege sie keine fünf Zentimeter in den ausgetrockneten Boden. Auch nicht, als ich mit der Wasserpumpenzange draufschlage. Plötzlich kommt ein junger Typ auf mich zu und bietet mir einen Hammer an. Er weist mich darauf hin, daß der Stiel ziemlich locker ist. Nach alter Schlossermanier stampfe ich den Stiel immer wieder auf den Boden, um die Verbindung notdürftig zu festigen.

Ein Mädel nähert sich meiner Baustelle und reicht mir einen großen Kunststoffhammer, der zwar okay ist, aber auch nicht mehr bewirkt. Und wenn ich die Heringe schräg ´reinschlage, bringt das ebenso wenig, weil die Grasnarbe darüber wegplatzt. Ich habe keinen Bock mehr und lasse die Sache so, wie sie ist. Typ & Mädel entpuppen sich als Pärchen aus Münster, sind also praktisch Nachbarn aus NRW. An einer Hecke steht ihr Zelt, durch zwei andere Zelte von mir getrennt. Die werden von älteren Polen bewohnt, wie ich erfahre. Matthias & Janine haben sogar Sound (Discman) dabei; sie sind mit dem Auto von ihren Eltern gebracht worden, da kann man halt mehr mitnehmen. Wie gut, daß ich drei CDs in den Taschen habe ! Die Teile wiegen nichts und nehmen keinen Platz weg.

Und man weiß ja nie, ob sich nicht vielleicht doch mal die Möglichkeit bietet, sie zu hören. (?!) Höflich frage ich, ob es wohl möglich sei, eventuell einen Song von TESLA oder Great White zu spielen. Und wenn man höflich und bescheiden einen kleinen Wunsch äußert, wird einem dieser selten abgeschlagen. So komme ich in den Genuß, fernab der Heimat alle drei CDs auf die Ohren zu bekommen. Open air unter sternenklarem Himmel. Beim einen oder anderen Gitarrenpart läuft mir ein kühler Schauer über Rücken und Arme. Ich gehe duschen, plaudere danach noch ein wenig mit den jungen Leuten, ziehe mich dann in mein Zelt zurück und schlummere bei Song And Emotion von TESLA ein. Bei einem solchen Klangteppich vermißt man eine Luftmatratze oder eine Isomatte überhaupt nicht. Und der Gaslampen-GAU von gestern ist längst wieder vergessen.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

10

Samstag, 7. Januar 2012, 13:21

Teil 10:

13.8.03: Um 5:55 weckt mich meine innere Uhr. Zeit für den Gang in den Waschraum, um Cappu-Wasser zu holen. Es ist noch nichts auf dem Platz los, als ich wieder im Portal meiner Behausung sitze. Klar, alle machen schön Urlaub und schlafen dementsprechend lange; ich könnte mir nicht vorstellen - zumindest nicht bei der Wetterlage -, um halb acht noch im Zelt zu liegen, wenn die mittlerweile stark über den Horizont gekrochene Sonne es schon wieder aufgeheizt hat. Die Kette meines Bikes hätte eigentlich mal wieder einen Ölfilm verdient. Sie gab gestern nämlich dezente Geräusche von sich. Nicht bedenklich, aber ich mag es nicht. Und diesmal habe ich endlich Öl und Pinsel dabei, wiegt schließlich auch nichts und nimmt in der Lenkertasche kaum Platz weg. Wie die CDs.

Nachdem ich die Kette dünn eingestrichen habe, widme ich mich ein wenig der heutigen Etappe. Immerhin bin ich jetzt ja in meiner Karte drin und werde es auch bis Ludwigsburg bleiben, wenn nicht...nein, dann könnte man mir ja vorsätzliches Sich-verfahren vorwerfen. Mann, wie bin ich denn ´99 gefahren? Als Orientierungshilfe diente damals ein in den PC eingescannter, im Grafik-Programm von mir mit einigen Gags versehener und auf DIN A4 ausgedruckter Kartenausschnitt aus einem Dierke-Schulatlas von 1971. Die Gags führten jedoch nur zu mittelschweren Fehleinschätzungen bezüglich der Entfernungen zwischen den Städten (,,Hey, ich bin ja schonn in Woams ! Ach, datt is´ ja datt falsche Woams.‘‘). Mit den Verfahrern in Mainz und später in Mannheim hatten die aber nix zu tun.

Ja, Mannheim. Bis in diese Gegend gedachte ich heute vorzudringen. Nur der Campingplatz von ´99 in Mannheim-Seckenheim muß es nicht unbedingt sein. Zu meinem Bedauern kann ich auf der Karte erkennen, daß der nächste Campingplatz erst zwischen Heidelberg und Neckargemünd liegt. Das würde einen heftigen Tagesritt bedeuten - 150 km oder mehr. Normalerweise kein Thema, wenn ich mich heute nicht auch noch darum kümmern müßte, meinen Proviant etwas aufzufrischen. Einkäufe kosten Zeit. Und bei mir besonders viel Zeit, weil ich nicht nur von der eigentlichen Route abweichen muß, um einen Supermarkt zu suchen, sondern den korrekten Kurs schließlich auch wiederfinden muß.

Ach, was soll ich mir jetzt schon Gedanken über das Lager der kommenden Nacht machen ?! Während ich meinen Kram packe, kommt langsam Leben auf den Platz. Ich gehe ´rüber zum Zelt von Matthias & Janine, um meine CDs zu holen. Wenig später taucht Matthias auf und gibt mir die zweite TESLA-CD, die noch in der Anlage war. Wir quatschen noch etwas und beim Abschied meint er:,,Echt, am liebsten würd´ ich mitfahr´n.‘‘ - Sollte ich gestern abend etwa Fernweh geweckt haben ?! Ich bedanke mich noch einmal für den kurzweiligen Abend - on the road freut man sich über Dinge, die einem sonst selbstverständlich erscheinen - und rolle vom Platz. Nicht jedoch, ohne am Rezeptionskiosk meine Duschmarken zurückgetauscht zu haben, denn selbstverständlich habe ich gestern zum Kaltduschen keine Marken gebraucht.

Okay, noch fahre ich die Strecke, die ich ´02 mit Konni und Ernst auch gefahren bin, aber bereits in Klein- und Groß- und Haupt-Ingelheim ist der Ofen wieder aus. Ich packe diese Gelegenheit beim Schopfe und besuche einen Edeka-Markt, der am Irrweg liegt. Am Obst-/Gemüsestand sehe ich Bananen und denke:,,Banaaanen ! Klar, die nehm´ ich, da kann ich ernährungstechnisch nix falsch machen..‘‘ - Ich drücke die Warentaste, lege die drei Bananen auf die Elektronikwaage - und bemerke erst dann, daß kein Papier für den Gewichts-/Preisaufdruck im Gerät ist. Die Kassiererin sagt mir, ich solle die Bananen an der Käsetheke wiegen lassen.

KÄÄÄSE ! Genau, ein knappes halbes Kilo Allgäuer nehme ich auch noch mit. Und ´ne Packung Schoko-Muffins kann ebenfalls nicht verkehrt sein, als Schmankerl für später vor´m Zelt. Mit einem Zwei-Liter-Tetrapack Eistee ist der Einkauf komplett und ich verlasse den Laden. Draußen ziehe ich mir schon mal eine Banane ´rein und rauche danach eine Zigarette. Und frage während dessen einen älteren Herrn nach dem Weg zum Rhein. Er ist so einfach zu finden, daß ich mich tatsächlich nicht verfranse und sogar den kleinen Kiosk wiederfinde, an dem wir uns ´02 ein paar Snacks gekauft haben.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

11

Samstag, 7. Januar 2012, 13:31

Teil 11:

Auch der weitere Weg verläuft problemlos, nur im Zollhafen - nachdem ich aber immerhin den Kurs durch die ganzen Container gefunden habe - entdecke ich den Ausgang nicht auf Anhieb. Ist auch nur ein kleines Türchen, kann man schon mal übersehen. Irgendwo am Rheinufer im Mainzer Süden parkt ein LKW auf dem Radweg. Rechts ist noch vielleicht ein halber Meter Platz bis zu einer Mauer, links liegt die steile, mit groben Steinen gepflasterte Uferböschung. Vorbei komme ich nur, wenn ich die mickrigen, in die Böschung eingelassenen Stufen hinunter- und zehn Meter weiter wieder hinaufgehe. Die beiden kleinen Treppen sind durch eine (etwas breitere) gemeinsame Stufe miteinander verbunden. `Runtertragen kann ich das Rad nicht, weil es mit den ganzen Taschen viel zu unhandlich ist - und nebenbei so um die 40 Kilo wiegen dürfte.

Ich gehe mega-langsam Stufe für Stufe die Treppe ´runter, während ich den Zossen mit der linken Hand am Lenker auf Kurs halte und mit der rechten am Sitzrohr Bremse. Auf der anderen Seite angelangt, hilft mir ein anderer Radfahrer, indem er am Gepäckträger schiebt, während ich gleiches am Lenker tue. Es gibt sie also doch noch, die Hilfe unter Gleichgesinnten. Herzlich bedankt, und weiter geht´s. In der Nähe von Laubenheim verfahre ich mich nur deshalb, weil ich nicht recht glauben will, daß das, in dessen Richtung der Fernradweg-Pfeil zeigt, die Fortsetzung des Radweges sein soll: ein Trampelpfad auf dem Deich !

Aber ein älterer Herr beraubt mich meiner Zweifel. Die Qualität der Strecke ist doch besser, als es der erste Blick vermuten ließ. Bis zu 22 km/h kann ich fahren, ohne daß zuviel Unruhe in die Fuhre kommt. Leider kann ich meinen Blick nicht mehr über die Landschaft streifen lassen. Die beiden - durch einen Grasbüschel-Streifen voneinander getrennten - befahrbaren Spuren sind nämlich nur ca. 20 Zentimeter breit, und hier und da lauert ein Schlagloch oder es lugt ein größerer Stein hervor. Konzentration auf den Untergrund ist also gefordert.

Nach einigen Kilometern habe ich absolut keinen Bock mehr auf dieses Speed-Trial mit Gepäck - so darf es nicht bis Worms weitergehen. Ich fahre bei der nächsten Möglichkeit vom Deich ´runter und frage eine Frau, die mit ihren beiden Hunden unterwegs ist, nach dem Weg nach Lörzweiler oder Bischofsheim oder sonstwo hin. Ich will nur eine Alternative zu diesem Single-Trail, irgendwas in Richtung Worms. In einer kleinen Ortschaft frage ich einen Handwerker, der sich gerade an einer Leuchtreklame zu schaffen macht, nach der B9. Hah, ich bin schon auf der B9 ! Wunderbar, jetzt kann ich Strecke machen. 20 km mehr oder weniger nur geradeaus. Landschaftlich zwar alles andere als abwechslungsreich oder gar reizvoll.

Doch das interessiert mich jetzt nicht; ich werde abschalten können und mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerks in die Pedale treten. Annähernd so gleichmäßig jedenfalls. Mit 25 bis 28 km/h spule ich die Strecke nach Worms ab, je nach dem, wie und aus welcher Richtung der Wind gerade bläst. Und wieder ist es dieser Imbiß, an dem ich stoppe - wie ´99. Ich zische mir eine kalte Dose Fanta ´runter. Bei der zweiten Dose komme ich mit einem etwa gleichaltrigen Mann (ich bin momentan 39) ins Gespräch. In Worms gebe es einen Campingplatz direkt am Rhein, auf der anderen Seite. Nein, nein, es ist noch zu früh (16:30), um schon Feierabend zu machen. Außerdem habe ich meine 100 km noch nicht zusammen, und das geht erst recht nicht. Kurze Zeit später - nach ein bißchen Verfahrerei in Worms - finde ich mich auf der Brücke wieder, die ich ´99 auch überquerte.

In einiger Entfernung vor mir läuft eine junge Frau; als ich ziemlich nahe ´ran bin, klingele ich kurz, um mich bemerkbar zu machen. Sie geht rechts, kann also gerne bleiben, wo sie ist. Nur würde sie mich nicht kommen hören, da mein Zosse ohne Schaltung auf Asphalt ein absoluter Leisetreter ist. Als ich nur noch fünf Meter weg bin, wechselt sie plötzlich die Seite ! Da ich aber in unvorhersehbaren Situationen stets einen Finger am V-Brake-Hebel habe und irgendwie schon davon ausgegangen bin, daß sowas passiert, komme ich praktisch sofort zum Stehen. Mir entfährt nur ein kurzes Boah, und schon rolle ich an dem unlogisch denkenden, zweibeinigen Hindernis vorbei.

Gruise, Paule
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12

Samstag, 7. Januar 2012, 13:43

Teil 12:

Irgendwo in der Nähe von Lampertheim lege ich genau an der Stelle eine kleine Pause ein, die schon damals Stätte einer Rast gewesen ist. Nur kam ich ´99 nach einer Irrfahrt über Felder und Wiesen dort hin und wußte überhaupt nicht, in welcher Richtung ich diese Straße weiterfahren sollte. Ich wartete, bis ein Autofahrer in der Parkbucht hielt, den ich dann - richtig ! - nach dem Weg fragen konnte. Dieser Weg hat sich mir so dermaßen eingeprägt, daß ich ihn auch nach nunmehr vier Jahren nicht vergessen habe. (Unter uns: Ich müßte schon umkehren, um in die verkehrte Richtung zu fahren.) Okay, Big City Mannheim ist nicht mehr weit. Ich esse noch ein Stück Klein-Ingelheimer Allgäuer, der tatsächlich schon Blasen geworfen hat - schmeckt wie Pizza ohne Teig, Tomaten, Oregano und den jeweiligen restlichen Belag. Also gar nich´ mal so schlecht.

Auf meiner Karte habe ich ein Naturfreundehaus mitten in Mannheim entdeckt. Was auch immer ein Naturfreundehaus sein mag, aber es klingt nach einer denkbaren Alternative zu diesem Campingplatz in Seckenheim. Wahllos quatsche ich die Leute auf der Straße an, jedoch scheint niemand etwas von einem solchen Haus zu wissen. Tja, in Anbetracht der Uhrzeit (17:40) rückt Seckenheim nun doch wieder in die engere Auswahl. Also, eigentlich bleibt mir jetzt sowieso nur noch die Wahl zwischen Seckenheim und Seckenheim. Ich halte einen älteren Radfahrer an. Seine Bierfahne bremst nicht ganz so schnell wie er und trifft mich voll.

Der Mann sieht - wie auch sein Fahrrad - insgesamt ziemlich mitgenommen aus und ich beginne daran zu zweifeln, ob es eine so tolle Idee gewesen ist, ausgerechnet ihn anzuhalten. Ich möge ihm folgen, denn er habe den gleichen Weg. Er müsse nur noch eben zum Penny-Markt, eine Dose Bier kaufen. Na ja, Getränkenachschub muß ich schließlich auch noch besorgen. Und vielleicht ein Stück Käse. Der Mann ist ganz offensichtlich ein Alki, der sich darüber zu freuen scheint, überhaupt Gesellschaft zu haben; irgendwie tut er mir leid. Ich fahre ihm hinterher.

Mit dem Penny-Markt hat er schon mal nicht gelogen, denn ruckzuck sind wir da. Er holt sich die versprochene Dose Bier, ich ordere ein Six-Pack Apfelschorle und ein Stück Käse - wer weiß, wann der Ingelheimer zu schimmeln beginnt. Draußen am Rad, hoffe ich, die sechs 0,5er auch unterbringen zu können, doch irgendwie zwänge ich die Flaschen in die Packtaschen. Und weiter geht´s, mein Tour-Guide biegt mal hier rechts und mal dort links ab. Ich bin nicht mehr so gutgläubig wie früher, als ich selbst noch Säufer war. Deshalb bleibe ich irgendwann einfach stehen und lasse meinen Lotsen fahren. Ich fahre geradeaus weiter und frage einen älteren Herrn nach Seckenheim. Blablabla, sososo - ich weiß Bescheid.

Ich komme durch ein Viertel, dessen Straßen seltsame Namen tragen, wie z.B. "Guter Fortschritt" oder "Schöner Erfolg". Die Straßen selbst sehen dagegen eher aus wie "Maroder Verfall" oder "Tragischer Selbstmord", und die Männer, die im verschwitzten Unterhemd und mit Bierflasche in der Hand davor sitzen, feiern soeben bestimmt keinen schönen Erfolg. Eine ganze Menge Augenpaare kleben an mir, das sehe ich teilweise, den Rest spür´ ich - ein visueller Spießrutenlauf. Hoffentlich krieg´ ich jetzt keine Panne. Als ich diese Gegend endlich hinter mir gelassen habe, frage ich eine Mittfünfzigerin nach dem Weg. Blabla, jajaah, alles klar.

Gruise, Paule
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13

Samstag, 7. Januar 2012, 13:53

Teil 13:

Hah, wer hält denn da neben mir ?! Mein Alki-Guide ! Er labert etwas, das ich nicht verstehen kann; durch Bier verwässerter Mannheimer Dialekt klingt nicht nach Nachrichtensprecher. Ich folge dem Typen abermals, doch schon nach kurzer Zeit hab´ ich die Schnauze wieder voll, denn dieses ewige 13-14 km/h-Geschleiche macht mir meinen Tagesschnitt noch ganz kaputt. Ich biege irgendwo ab, weg bin ich. Ich frage eine jüngere Frau, die mir den - jetzt sehr einfachen - Weg genau beschreibt. Gerade bin ich gestartet, da taucht doch wer wieder auf ?! Richtig, mein Alki. Es ist beinahe so, als holte mich mein früheres Ich immer wieder ein. Damals - so vor 13 bis 14 Jahren - trank ich auch immer Bier, wenn ich Fahrrad fuhr.

Ich sage meinem Guide, daß er leider zu langsam sei. Er möchte, daß ich ihm folge und gibt richtig Gas; mit immer mindestens 20 km/h fährt er vor mir her. Als wir die Auffahrt zur Brücke über den Neckar hochfahren, weiß ich den Weg wieder. Die Brücke führt auch über eine Schleuse, in der gerade ein Schiff auf ein anderes Level gebracht wird. Das könnte man sich doch mal bei einer Zigarette ansehen. Zeit habe ich ja jetzt genug, denn es sind nur noch zehn Minuten bis zum Campingplatz. Mein Guide kann endlich sein Bier in Ruhe zu Ende trinken, er erzählt mir was von seinem Wohnwagen in Ungarn usw. Mmh, was macht er denn dann mit einer Dose Penny-Bräu und einem Fahrrad-Zombie im wunderschönen Mannheim ?!?

Egal, ich will jetzt die letzten drei oder vier Kilometer unter die Räder nehmen, das Zelt aufstellen und danach schön kalt duschen. Ich erkläre dem Guide, daß ich jetzt wisse, wo ich sei, doch er bleibt an meiner Seite. Am Campground angekommen, parke ich das Rad und stelle fest, daß der Pächter gewechselt hat. ,,Gut´n Abend. Ich möchte gern´ für eine Nacht hier zelt´n. Ich war vor vier Jahr´n scho´ ma´ hier, abba da gab´s noch ´nen ander´n Pächter.‘‘ - ,,Vor fünf Jahr´n.‘‘ - ,,Nee, nee, vor vier Jahr´n, datt weiß ich ganz genau !‘‘ - ,,Unsinn ! Das muß vor fünf Jahr´n gewes´n sein !‘‘ - ,,Mann, da bin ich zum 88sten meiner Omma gefahr´n. Und die is´ Jahrgang ´11. Also war datt ´99.‘‘ - ,,Quatsch, das war vor fünf Jahr´n !‘‘ -

Ich geb´s auf. Nicht zuletzt deshalb, weil ich immerhin hier bleiben will. Der neue Pächter ist jedenfalls total unfreundlich und behandelt mich eher wie eine lästige Schmeißfliege und nicht wie einen Gast. Duschen müsse ich jetzt sofort, gibt er mir kurz und knapp zu verstehen. Es ist gerade mal acht Uhr, außerdem habe ich das Zelt noch nicht aufgebaut. Zuerst duschen und dann das Zelt aufbauen, damit ich danach direkt wieder duschen könnte ?!? Nee, laß ma´ stecken, dann dusche ich besser morgen früh. Das ändert natürlich nichts daran, daß ich die Nacht verdreckt und mit Insekten verschmiert im Zelt verbringen werde. Mein Guide steht übrigens immer noch da. Ich frage ihn leicht ungehalten, was denn noch sei. Ob er vielleicht mit in mein Zelt wolle. Nein, er wohne hier in der Ecke - ja, dann is´ ja gut.

Gruise, Paule
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14

Samstag, 7. Januar 2012, 17:37

Teil 14:

Prima, dann such´ ich mir erst mal einen Platz auf der Wiese, auf der ich bereits vor VIER Jahren mein Lager aufgeschlagen habe. Nein, nicht gut, denn ich bin gerade dabei, meinen Zossen abzupacken, da kommt der Unsympath angerannt und meint, ich sei zu weit vom Weg entfernt. Die Uferzone stünde unter Naturschutz. Er zeigt mir, in welchem Bereich ich mich breit machen kann. Das gesamte Gelände ist sowieso der Hammer. Man weiß nicht, wie weit sich der eigentliche Zeltplatz überhaupt erstreckt, da er zu zwei Seiten gar nicht abgegrenzt ist. Auf einer Seite stellt der Neckar eine natürliche Grenze dar, gegenüber - etwas oberhalb gelegen - die Straßenbahnlinie nebst Haltestelle die weniger natürliche.

Der "Campingplatz" wird längs von zwei Schotterwegen durchquert, auf denen auch in der Nacht Radfahrer und Fußgänger unterwegs sind. Man kommt sich eher vor wie in einer öffentlichen Parkanlage. Recht schnell baue ich das Zelt auf, denn ich habe da eine Idee, die ich nicht in der vollkommenen Dunkelheit umsetzen will. Ich drehe mir eine Kippe und gehe zum Ufer. Ganz unauffällig, wie ein ganz normaler Spaziergänger an einem x-beliebigen Sommerabend. Ich kann den Platzwart mit seinen beiden Saufkumpanen sehen, er mich sicherlich auch. (,,Was macht der tätowierte Freak denn jetzt am Neckar ?) Ich suche nach einer Stelle, von der aus ich die kleine - durch das Niedrigwasser entstandene - Landzunge erreichen kann. Über sie könnte ich dann nämlich ins Wasser gelangen und dort duschen. Eine einzige Stelle an der Uferböschung ist halbwegs akzeptabel, mit viel Phantasie sehe ich zwei Stufen auf ca. zwei Metern Höhe. Da wird gleich etwas Akrobatik nötig sein, wenn ich mit frischer Unterhose und Handtuch zurück bin.

Tja, wie komm´ ich da jetzt ´runter ?! Ich habe nur eine Hand frei, in der anderen sind ja Handtuch und Hose. Die PUMA-Badelatschen bieten auch nicht den besten Halt. Egal, ich wage den ersten Schritt und mache ´nen halben Spagat. Beim zweiten Schritt müßte ich normalerweise springen oder mich irgendwo festhalten. Ich umfasse einfach mehrere dicke Gras-(oder Stroh-?)halme, in der stillen Hoffnung, nicht gleich den kompletten Büschel samt Grasnarbe in der Hand zu haben. Doch es funktioniert, ich bin unten. Aber noch lange nicht im Wasser. Die Landzunge ist vollkommen mit sehr großen, mittelgroßen und nicht ganz so großen Steinen unterschiedlichster Formgebung bedeckt. Mit kleineren und größeren Lücken dazwischen. Ich muß also tierisch aufpassen, nirgendwo abzurutschen und mit verstauchtem Knöchel liegen zu bleiben. Das ist Freeclimbing in der Horizontalen - mit Badelatschen erst recht.

Doch leichtfüßig wie eine Ballerina erreiche ich das Wasser, nun gilt es, sich auszuziehen. Und Steinflächen zu finden, auf denen man die Klamotten ablegen kann. Und zwei möglichst nebeneinander liegende Steine, auf denen man einbeinig stehen kann, um aus der Jeans, der Radler und der Unterhose des heutigen Tages zu steigen. Nachdem dies erfolgreich geschehen ist, muß ich nur noch ins Wasser gelangen. Nur noch ?! Die steinige Oberfläche setzt sich unter Wasser fort, nur sind die Steine hier zusätzlich mit Algen oder Moos oder was weiß ich garniert. Da kann man nicht so einfach erhobenen Hauptes ´reinmarschieren. Ich krabbele also ganz langsam - immer irgendwo nach Halt tastend - rückwärts ins Wasser. Nackt, was muß das für ein Bild sein. Aber mich sieht ja keiner. Als ich nach dieser Aktion zurück am Zelt bin, ist es vollkommen dunkel. Ich bin richtig stolz auf mich, diese äußerst prekäre Duschsituation bewältigt zu haben - und dann noch als Nichtschwimmer. Um mich sofort hinzulegen, bin ich jetzt wieder zu frisch; so gehe ich noch ein wenig spazieren. Vor dem Zu-Schlafsack-gehen lasse ich mich noch im Feuerzeugschein von der heutigen Tageskilometerleistung überraschen: 126 km, aha. Plus 122 von gestern plus 143 vom ersten Tag = 391 km. Das is´ okay.

Gruise, Paule
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15

Samstag, 7. Januar 2012, 17:45

Teil 15:

14.8.03: Erst um 6:32 werde ich wach. Mein Blick fällt auf den Stoff des weißen Innenzeltes, das jetzt viele kleine schwarze Punkte bekommen hat: Ameisen, natürlich außen. Ein paar Mal schlage ich kurz dagegen, und schon fliegen die Viecher auf den Boden. Ich bin hart gegen mich selbst und beschließe, mich zuallererst zu rasieren. Schädel und Face, das dauert immer ganz schön. Es hat in der Nacht geregnet und regnet jetzt schon wieder. So ziehe ich´s vor, unter dem Schirm bei dem Platzwart-Kiosk meinen Cappu zu genießen. Ich könnte mich natürlich auch ins geöffnete Zelt setzen, da hätte ich sogar ein tollen Blick auf´s Neckar-Ufer - aber auch in Windeseile die Bude voll mit Ameisen.

Der Mann, der hier wohl für die sanitären Anlagen zuständig ist, erscheint auf der Bildfläche. Ich grüße, er nicht. Mann, sind datt alles Arschlöcher hier ! Es regnet nicht mehr und klart ein wenig auf. Ich packe das nasse Zelt ein (wird in zwölf Stunden sowieso wieder aufgebaut) und frühstücke nebenbei nur notdürftig; es lohnt sich nicht, an diesem Ort mehr Zeit als unbedingt nötig zu verschwenden. Heute werden schönere Ecken kommen. Ich schwinge mich auf den Zossen und fahre zügig den Neckar-Radweg weiter hinauf. Es ist zwar noch schwül, aber nicht mehr so heiß wie an den vergangenen Tagen. Es rollt gut, aber ich bekomme Hunger.

In Wieblingen kaufe ich mir ein mit Käse, Tomate, Schinken, Salat, Gurke und Ei belegtes Baguette - und zwei Teilchen (oder süße Stückchen, wie man hier sagt) für unterwegs. Ich fahre an Heidelberg vorbei und bin bald darauf in Neckargemünd. Hier stand ich ´99 in einer verfallenen Remise und wartete einen Schauer ab - und überlegte, ob ich weiter am Neckar entlang oder über Sinsheim fahren sollte. Ein Radfahrer riet mir zu Sinsheim, es sei nicht sehr bergig. Alles ist relativ. Für mich Ruhrpöttler war´s schon bergig, zu bergig für ein Rad ohne Schaltung, wie es jetzt der Fall ist. (´99 fuhr ich noch Sachs-7Gang-Nabe.)

Schon bald führt der Weg durch bewaldete Uferlandschaft. Mal mit Steigungen, mal mit Gefälle versehen, aber nie so, daß ich schieben müßte. Die Sonne scheint wieder, wird aber durch´s dichte Blattwerk daran gehindert, gnadenlos auf mich nieder zu brennen. So läßt´s sich fein am Neckar entlang cruisen. Wenn es nicht so kitschig wäre, könnte man glatt märchenhaft dazu sagen. Am Wegesrand liegt nicht einmal Müll, der einen in die Realität zurückholen könnte. Ich lasse so richtig fett die Seele baumeln. Ohne irgendwelche Zwischenfälle erreiche ich Zwingenberg, wo ich - wie romantisch - den Fluß mit der Fähre überqueren muß. Auf der anderen Seite angelangt, fahre ich weiter nach Neckargerach, wo ich in einem Getränkemarkt meine Vorräte auffrische.

Unter anderem mit Traubensaft, den ich unbedingt mal in einer Gegend antesten will, in der auch Trauben wachsen. Köstlich, mal was anderes als dieser ewige Eistee und die Apfelschorle. Über eine Schleusenbrücke komme ich zurück auf die linke Seite, wo wieder der Radweg verläuft. Jetzt begegnet mir kaum noch jemand. Was mir sehr gefällt, denn sowas gaukelt einem (also, mir zumindest) ein Gefühl der Abgeschiedenheit vor; der nächste bewohnte Ort scheint weiter entfernt zu sein, als es tatsächlich der Fall ist. Das ist es übrigens auch, was ich an mehrtägigen Touren so schätze: für längere Zeitphasen in Kindheitsphantasien abdriften zu können.

Über weite Strecken verabschiede ich mich von den Denkmustern des Alltags und bin voll in meinem eigenen On-the-road-Movie. An irgendeiner Flußbiegung entdecke ich zwei grob gezimmerte Bänke mit einem Tisch dazwischen - zünftig mit Moos bewachsen und ziemlich verrottet. Idyllisch. Der richtige Platz für eine kleine Pause. Ich höre ein verhaltenes Grollen, sollte da etwa gleich ein Gewitter für Abkühlung sorgen ?! Es patscht in den Bäumen, ein Tropfen trifft meinen Arm. Und viel mehr werden es auch nicht. Schade, es reicht nicht zu so viel Feuchtigkeit, daß dieser typische Geruch entsteht, wenn die Wege wieder abtrocknen.

Gruise, Paule
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16

Samstag, 7. Januar 2012, 17:55

Teil 16:

Irgendwo in der Gegend um Obrigheim fragt mich ein Autofahrer, ob ich mich hier etwas auskenne. Wo denn wohl die Laberstraße sei.(?!) Er fragt MICH nach dem Weg ! Geht der etwa davon aus, daß ich hier wohne und gerade zufällig zu einer größeren Tour gestartet bin ?! Ich leiste mir ja gewiß die eine oder andere Schote, aber wenn ich jemanden nach dem Weg frage, dann doch wohl einen normalen Passanten und keinen Weltenbummler, bei dem ich mir eigentlich denken kann, daß er nur auf der Durchreise ist. Naja, Münchner Kennzeichen. Ich spotte noch etwas in mich hinein und fahre weiter. Ich habe Neckarsulm zu meinem Tagesziel auserkoren, da muß ein Campingplatz direkt an der Sulm liegen. Laut Karte (und laut meiner Art, Karten zu interpretieren) entspringt die (oder der ?!?) Sulm irgendwo in Hölzern bei Eberstadt, östlich von Neckarsulm.

Ist also nicht sehr lang, dieses Flüßchen - vielleicht 30 Kilometer. Diese Detail-Info nur dazu, um dem geographischen Anspruch dieser Tourenerzählung gerecht zu werden. Bis kurz vor Neckarsulm passiert nichts mehr, was einer detaillierteren Erläuterung bedürfte. In Neckarsulm verliere ich selbstverständlich wieder komplett die Orientierung und verfahre mich bilderbuchmäßig. Doch nachdem ich mindestens jeden zweiten Neckarsulmer nach dem Weg zum Campingplatz gefragt habe - natürlich versehen mit einer außerplanmäßigen Stadtrundfahrt -, finde ich ihn schließlich auch. Die Frau am Rezeptionskiosk ist freundlich und erkundigt sich sogar direkt nach meinem Brötchenwunsch für morgen früh. Nein, kein Bedarf, denn ich habe ja gar nichts zum Draufpacken oder –schmieren. Mal abgesehen vom Rest meines Waldhof-Mannheimer Hüttenkäses. Auf dem mir zugewiesenen Rasenstück angekommen, weist mir der Chef-Einweiser (er weist auch die Wohnwagen-Gespanne ein.) einen schönen, lauschigen Platz zu.

In einer an zwei Seiten umzäunten Ecke unter zwei kleinen Bäumen. Gut geschützt, hier rennt keiner versehentlich mein Zelt oder das Bike um. Da inzwischen dicke, böse Wolken am Firmament aufgetaucht sind, baue ich mein Zelt relativ zügig auf. Und stülpe schon mal eine Plastiktüte über den guten Brooks-Sattel, bevor ich das wieder vergesse. Neben mir zeltet ein langhaariger Ami mit seiner kleinen Tochter. Der Typ sieht fast aus wie Robert Plant (Sänger der legendären Rockband Led Zeppelin) und trägt - wie mir erst später auffällt - auch ein Led Zepp-Shirt. Er ist Roman-Autor und Journalist, lebt derzeit in England und möchte seiner (vielleicht achtjährigen) Tochter den Ort zeigen, an dem er gelebt hat, als er in ihrem Alter war. Er will morgen nach Nordhausen.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

17

Samstag, 7. Januar 2012, 18:00

Teil 17:

Ich besorge mir vom Rezeptionskiosk noch ein paar Flaschen Apfelschorle und einige TWIX (diese nahrhaften und vitaminreichen Schokoriegel mit Keksfüllung). Die TWIX natürlich als Schmankerl, die Ernährungsgrundlage stellen nach wie vor meine Müsliriegel dar. Hah, und von den Teilchen aus Wieblingen hab´ ich auch noch ein´s ! So sitze ich vor´m Zelt und genieße den Rest des Tages. Ein paar Kinder von den Dauercampern toben und spielen noch in der Gegend ´rum. Dabei fällt mir ein ca. neun- bis zehnjähriger Junge besonders auf. Er veranstaltet nette Kapriolen mit einem Moutainbike - direkt auf dem freien Stück Rasen vor meinem Zelt. Mal fährt er längere Stücke auf dem Hinterrad, dann bremst er wieder mit der Vorderradbremse so stark, daß er hinten abhebt. Ohne sich zu überschlagen, er hat das voll im Griff.

Dann will wohl sein Kumpel (sichtlich älter, größer und korpulenter als er) sein Rad zurückhaben, und er muß wieder mit seinem 20‘‘-Kinderrad vorlieb nehmen. Damit versucht er die gleichen Kunststückchen, was logischerweise nicht so toll funktioniert. Es ist aber erstaunlich, was er auch mit dem Teil zustande bringt. Ich sage ihm, daß er echt gut sei und das richtige Feeling für´s Bike mitbringe. Jedoch sage ich ihm auch, daß er ein besseres Rad brauche und kläre ihn darüber auf, was passieren kann, wenn z.B. nur mal die Kette reißt, während er gerade zu einem Wheelie (Fahren auf dem Hinterrad) ansetzt. Oder die viel zu schwache Gabel wegbricht, während er gerade mit dem ganzen Gewicht nur auf dem Vorderrad steht. Und so, wie er mich ansieht, scheint er das nicht für ein Märchen zu halten.

Der Junge soll seinem Opa mal 500 Euro aus´m Kreuz leiern, sich ein akzeptabeles BMX-Rad zulegen und fleißig üben; dann ist er mit 16 Jahren Profi. Ich komme mir vor wie ´n Talent-Scout. Der Bengel freut sich über mein Lob und winkt mir sogar zu, als er mit seinem Opa in dessen Daimler den Platz verläßt. Die fahren bestimmt zu einem Restaurant. Ich gehe endlich duschen. Danach relaxe ich noch ein wenig im Zelteingang, rauche eine letzte Zigarette und erledige die spärlichen Tagebucheintragungen. 107 Kilometer waren´s heute nur, insgesamt jetzt 498. Ich liege noch nicht sehr lange auf dem Schlafsack, da frischt der Wind auf, es blitzt und donnert und schüttet recht gut. Nein, es muß wirklich nicht immer ein Haus sein, um eine ruhige Nacht verbringen zu können.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

18

Samstag, 7. Januar 2012, 18:08

Teil 18:

15.8.03: Wieder ist es weit nach sechs Uhr (genau 6:19), als ich wach werde. Doch heute herrscht keine Eile. Die herrschte zwar an den Tagen zuvor auch nicht, aber da die heutige Etappe die mit Abstand kürzeste sein wird, spielt der Zeitpunkt des Aufbruchs eine untergeordnete Rolle. Dermaßen untergeordnet, daß ich sogar mit dem Gedanken spiele, das - in der Neckarsulmer City beimatete - Zweiradmuseum zu besuchen. So könnte ich meiner Tour auch einen kulturellen Touch verleihen. Doch sofort wirft sich die Frage eines um sein Stahlross besorgten Reiters auf: Wohin mit dem Bike während des Museumsbesuchs ?!? Ach, erst mal abwarten, wie gut (oder eben auch nicht) ich meine Route wiederfinde, dann wird man schon sehen (oder eben auch nicht). Das Zelt ist noch recht naß von der letzten Nacht, und da ich es heute abend nicht aufbauen werde, breite ich es auf dem Rasen in der Sonne aus und lasse es in aller Ruhe abtrocknen.

In aller Ruhe fülle ich die Apfelschorle aus den Glasflaschen in meine 0,5er Allrounder-PET-Bottles um - gehört übrigens auch zu meinem allmorgendlichen Pflichtprogramm. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde es heute nicht so heiß wie an den vergangen Tagen werden, aber das dachte ich gestern früh auch schon. Obwohl: Gestern war´s erstens noch früher und zweitens war es noch stark bewölkt. Sollte es also wirklich nicht so drückend werden, muß ich auch keinen Getränkenachschub mehr einkaufen. Ich brauchte mich praktisch um nichts mehr zu kümmern und könnte die Hinfahrt nach Ludwigsburg geruhsam ausklingen lassen. Laut Karte dürften es vielleicht noch 60 km sein, aber wie ich mich kenne, können daraus schnell 70 oder 80 km werden. Als ich endlich allen Kram gepackt habe, ist es kurz vor zehn, womit mir noch elf Stunden bleiben, um schlimmstenfalls 80 km zurückzulegen.

Die ersten dieser Kilometer sammle ich in Neckarsulm, wo ich mich mal wieder routiniert verfahre. Aaaber ich entdecke einen Wegweiser zum Museum ! War ja schon mal da, ´78 muß das gewesen sein, anläßlich des 100sten Geburtstages von Jörgen S. Rasmussen, dem Gründer von DKW (Ende der 1920er größter Motorradhersteller der Welt), gab´s dort eine Sonderausstellung. Damals war ich noch DKW-Fan. Jetzt wäre ein Besuch deshalb interessant, um mir eine NSU 351 OSL näher anzuschauen - die wartet nämlich zu Hause im Keller (nur der frisch restaurierte Motor liegt im Schlafzimmer.) darauf, komplettiert und zusammengesetzt zu werden.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

19

Samstag, 7. Januar 2012, 18:11

Teil 19:

Aber nein, nun bin ich schön auf ´ner Fahrrad-Tour und sollte die letzte Etappe vor der Halbzeit nicht direkt mit Trödelei beginnen. Zielbewußt frage ich mich aus Neckarsulm ´raus, finde den Radfernweg, strauchele ein wenig in Heilbronn und verfranse mich ganz leicht in Nordheim. Nachdem ich den Ort verlassen und eine längere Steigung hinter mich gebracht habe, lege ich am Straßenrand eine kleine Trinkpause ein. Eine Fünfergruppe mit Mountain- und Trekkingbikes fährt vorbei, gefolgt von zwei weiteren Mountainbikern. Alle sind wie ich schwer bepackt. Geschätztes Alter der sieben Typen: zwischen 15 und 40. Da kommt wieder dieser bescheuerte Jagdinstinkt in mir durch. Nicht so extrem wie bei Ernst, einem meiner beiden Fahrrad-Kumpels, der sich auf Rennradfahrer spezialisiert hat.

Ernst schlägt immer regelrecht an - wie ein scharfer Wachhund, der sofort am Tor klebt, wenn sich ein Fremder dem Grundstück nähert. Ernst scheint dann innerhalb einer Sekunde von 22 auf 35 km/h zu beschleunigen. Das Gepäck ignorierend. Also, soll ich oder soll ich nicht ?!? Die anderen Biker sind inzwischen hinter einer Rechtskurve verschwunden, auf der vielleicht mit sechs bis sieben Prozent ansteigenden Straße. Ich nehme noch einen letzten Schluck Apfelschorle und setze hinterher. Nicht übermäßig schnell, sondern so, wie ich die Sache unter normalen Umständen auch angehen würde. Ich weiß schließlich gar nicht, wie lang diese Steigung ist. Stehend ziehe ich mit 12 bis 13 km/h bergan und sehe schon nach kurzer Zeit die beiden Mountainbiker vor mir.

Der Abstand verringert sich schnell; als ich sie überhole, degradiere ich sie zu Statisten. Nicht, weil ich das gut finde - okay, schlecht finde ich´s natürlich auch nicht -, sondern weil ich ohne Schaltung fahre und nicht unter eine gewisse Trittfrequenz fallen möchte. Als ich das Ende der Steigung erreicht habe, zweigt die Route von der Straße ab. Die Fünfergruppe verschnauft gerade, man grüßt sich grinsend. Ich fahre den Weg, der noch ein paar Meter parallel zur Straße verläuft, weiter und werde schon wenig später von den sieben anderen wieder überholt. Es geht leicht bergab. Bis zur nächsten Rechtskurve. Hinter der wartet wieder ein Anstieg.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

20

Samstag, 7. Januar 2012, 18:18

Teil 20:

Es dauert nicht lange, bis ich die Gruppe wieder vor mir sehe. Der permanent ansteigende Weg schlängelt sich in ein Waldgebiet hinein, es ist dementsprechend schattig und duftet gut. Wie lang diese Steigung ist, interessiert mich jetzt nicht mehr. Rasch habe ich die anderen eingeholt und überholt. Hinter der nächsten Biegung sieht es so aus, als würde es flacher werden. Trugschluß. Dann eben nach der nächsten. Trugschluß. Am Anfang fuhr ich noch 11 – 12 km/h, jetzt habe ich mich bei 8 – 9 km/h eingependelt. Aber da hinten, da wird es offensichtlich endlich etwas flacher. Nein, doch nicht. Warum mache ich mir eigentlich immer noch selbst etwas vor ?! Aus Erfahrung müßte ich doch wissen, daß Steigungen nie nach der nächsten Kurve zu Ende sind - außer natürlich dann, wenn´s wirklich so ist. Ich fahre nur noch 7 km/h. Der schlecht asphaltierte Weg hat sich mittlerweile in einen geschotterten Waldweg verwandelt.

Ich werde schneller. 9, 11, 13, 15, 18 km/h - das Gipfelkreuz fliegt vorüber ! Ich tauche in einen wunderschönen Wald mit uraltem Baumbestand (sehr hohe Bäume = sehr alt) ein und lasse es richtig laufen. So zwei oder drei Kilometer jedenfalls, dann kommt eine kurze - aber heftige - Rampe, an der ich schieben muß. Danach führt der Weg ´raus auf freies Feld. Und wandelt sich dabei gleichzeitig von grober Schotterpiste zu Flüster-Asphalt. Links steht im Schatten eine Bank, die zu einer ausgedehnteren Pause lockt. Ich nehme einen Schluck vom mittlerweile wieder wohltemperierten Tourendrink und drehe mir eine Zigarette. Ich esse einen - der immer wieder mal in einer der Taschen auftauchenden - Müsliriegel und zünde mir danach die Kippe an. Das ist halt mein Touren-Pausen-Ritual. Als ich die Van Nelle fast zu Ende geraucht habe, kommt erst die Spitze der 7er-Gruppe die Rampe hochgeschlichen.

Aber immerhin fahren die und schieben nicht ! Aber nun, hier liegen eben die Grenzen, wenn man ohne Schaltung fährt. Ich sehe auf den Waldboden und sehe dicke, fette Ameisen. Mann, das sind ja richtig viele. Oh, da sind ja auch welche auf der Bank ! Ziemlich zügig stehe ich auf und klopfe wahllos auf meinem Körper ´rum. Selbst am Fahrrad krabbeln die Viecher hoch ! Leckeres, saftiges Fahrrad, odda watt ?!! Ich flüchte mit meinem Zossen in die Sonne auf den Asphalt und untersuche alles noch mal genau auf eventuelle blinde Passagiere. Das Spinnenpack, das ich ständig mitschleppe, reicht eigentlich. Die Jungs akzeptiere ich ja sogar, die halten einem wenigstens die eine oder andere Mücke vom Leib. (Obwohl ich noch nie eine im Netz gesehen hab´.)

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447