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Ritze

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Freitag, 5. August 2016, 01:23

Mittwoch, den 10.09.2014

Zugfahrt Dresden-Jena-Saalfeld

Vor lauter Sorge den Wecker zu überhören habe ich diese Nacht kreuzmiserabel geschlafen. Der Himmel zeigt sich grau in grau und draußen ist es ganz schön frisch. Das Wetter erleichtert mir also sozusagen die Entscheidung mit der Bahn zu fahren. So trage ich meine Klamotten zusammen, packe, frühstücke, zahle und mache mich auf den Weg quer durch die Stadt zum Bahnhof. Ganz entgegen meiner bisherigen Urlaubserfahrungen in diesem Jahr funktioniert alles reibungslos: kein Verkehrschaos, kein Tsunami am Elbufer, keine Streikposten am Bahnhof!
Vollkommen überraschend steht mein Zug am richtigen Gleis, mit ausreichend Fahrradstellplätzen… fehlt nur noch ein roter Teppich… irgendwas stimmt doch hier nicht!? Selbst mein Waggon steht laut Zugplan auf den Zentimeter am richtigen Platz! Misstrauisch, vorsichtig witternd wie ein junger Hund, nähere ich mich, frage sicherheitshalber noch einen Zugbegleiter, ob das alles seine Richtigkeit hat und steige schließlich ein. Bis ich den Zossen verstaut und meinen Sitzplatz gefunden habe ist es noch eine viertel Stunde bis zur Abfahrt. Als sich gerade die letzten stressbedingten Spannungen um’s Rektum lösen, plärrt es aus den Lautsprechern, daß mein Zug nicht abfahren kann, weil es auf der Strecke einen Unfall mit Personenschaden gegeben hat! Das kann doch nicht wahr sein! Sofort setzen die Verspannungen wieder ein. Diesmal von den Haarwurzeln bis zu den Zehennägeln! Dieses Mal lösen sie sich erst, als der Zug mit 10 Minuten Verspätung aus dem Bahnhof rollt.
Der Rest der Zugfahrt verläuft bis auf den einsetzenden Regen weitgehend ereignislos. Unter dem monotonen Geräusch der Räder passiert der Zug Chemnitz, Gera und Jena. Zu meiner Freude kann ich bis Saalfeld mitfahren. Bis dort regnet es auch nicht mehr.
Vor dem Saalfelder Bahnhof muß ich mich erst noch orientieren, in welche Richtung es ins Zentrum geht. Als ich aufsteigen will passiert, was nicht hätte passieren dürfen! In Dresden hatte ich vergessen beim Anhalten einen kleineren Gang einzulegen. Jetzt widersetzt sich die schwere Fuhre im großen Gang vehement jedem Beschleunigungsversuch. Im Sekundenbruchteil stellt sich die Frage, was besser ist: im fließenden Verkehr umkippen oder mit der Macht meiner Kilos durchtreten! Ich vertraue auf mein Gewicht! Augenblicklich ertönt aus meinem rechten Knie ein hässliches, knirschendes Geräusch, als ob man einen alten, morschen Ast auseinanderdrehen würde! Der schlagartig einsetzende Schmerz fühlt sich an, als ob mir jemand ein glühendes Fahrtenmesser unter die Kniescheibe stechen würde! Genau so schlagartig sehe ich sämtliche Heiligen im Himmel vor mir und mir wird speiübel!
Ich kann mich gerade noch torkelnd an den Bordstein retten und da steh ich nun, vor lauter Schmerzen tritt mir kalter Schweiß auf die Stirn und ich unterdrücke den aufsteigenden Brechreiz! Nach einer Weile getraue ich mich endlich abzusteigen und humple gegen das Rad gestützt wieder zurück zum Bahnhof. Der erste klare Gedanke, den ich fassen kann: „So, das war’s mit Radfahren! Kannst gleich rein gehen und für morgen ein Ticket nach Hause lösen!“
Mit der Zeit lässt der Schmerz nach und ich beruhige mich wieder. Ich beschließe nicht in blinden Aktionismus zu verfallen, mir ein Zimmer zu suchen und morgen ausgeruht einen Fahrversuch zu unternehmen. Sollte ich nicht radeln können, ist immer noch Zeit genug einen Fahrschein zu besorgen.
Tapfer schwinge ich das lädierte Bein über den Sattel und mache mich zum zweiten Mal auf den Weg in das Stadtzentrum. Als die Straße ansteigt ist allerdings Schluss mit lustig. Ich muß schieben! Die Hotels auf dem Weg sind leider samt und sonders ausgebucht. Erst in der „Tanne“ werde ich fündig.
Die Dusche ist so eine Plastikkabine, die im Raum steht und für meinen Vollkostkörper ganz schön eng gebaut. Immerhin komme ich ohne fremde Hilfe wieder raus. Scheinbar hat es sich für diesen Moment rentiert, das Mittagessen ausfallen zu lassen. Dafür habe ich jetzt aber auch gehörig Kohldampf. So kommt es, daß ich meinen Stadtbummel schon nach wenigen Schritten unterbreche, um ein Dönerlokal zu stürmen. Nach lecker Dönertier bin ich endlich aufgestellt, um den „Aufstieg“ zum Marktplatz in Angriff zu nehmen. So schlendere ich noch eine ganze Zeit lang planlos durch die Gegend, genieße die Orgie aus Fachwerk, Backstein und Kopfsteinpflaster, bis ich vor einer Metzgerei einen Bratwurststand sehe! Wenn ich schon, mangels Planung, kulturell nix auf die Reihe kriege muß ich wenigstens eine waschechte Thüringer Bratwurst essen!
Zwischenzeitlich ist auch Ladenschluss. Und ich kann gar nicht so schnell kucken, wie aus einer lebendigen Kleinstadt Dead End Gulch wird: klapp, klapp, klapp, alle Läden dicht und außer mir so gut wie niemand mehr auf der Straße! Ich überlege noch, in welche Kneipe ich mich verkrümeln soll, entscheide mich dann aber für das örtliche Kino. Als die Vorstellung vorbei ist, ist es auch Zeit, in der Koje zu verschwinden.
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Montag, 8. August 2016, 18:50

Donnerstag, 11.09.2014 72 km; 6:07 h; 1052 hm

Saalfeld-Drognitz-Burgk-Saalburg

Als ich den Vorhang aufziehe hat es gerade begonnen zu regnen. Der erste spontane Einfall ist, gleich wieder zurück ins Bett zu liegen und den Aufenthalt um einen Tag zu verlängern. In der Feengrotte und den Stollwerk-Schokoladenwerken wäre es bestimmt trocken. Alleine der Gedanke hilflos in der Dusche eingeklemmt zu sein und womöglich auf eine oder zwei Mahlzeiten verzichten zu müssen treibt mich an zu packen! Auf dem Weg zum Bahnhof nehme ich die Beschilderung zum Saaleradweg nach Hof auf, staune aber nicht schlecht, als ich sogleich vor einer ca. 100m langen Treppe stehe! Die Ausschilderung scheint nicht gerade gut zu sein, denn als nächstes stehe ich bei Stollwerk auf dem Betriebshof!
Im Laufe des Vormittages schwant mir, daß sich heute mein altbekannter Dilettantismus mal wieder übel rächen wird. Wer seinen Esterbauerführer gewissenhaft liest und nicht nur als Ballast mitnimmt, sieht schnell, daß das Höhenprofil zwischen Saalfeld und Hof für einen Flüsseradweg untypisch scharfe und hohe Zacken aufweist! Schuld daran ist die Tatsache, daß sich die Saale so tief in den Fels gefressen hat, daß man den Radweg nicht überall direkt neben dem Fluß anlegen konnte. So verlässt der Weg den Fluß immer wieder über die Hügel des Saaletals. Und ich laufe, bzw. fahre mal wieder voll ins gestreckte Messer!
Der immer wieder einsetzende Regen macht die 6%-Steigungen auch nicht unbedingt sympathischer. Dafür funktioniert mein Knie erstaunlich gut. Zur Mittagszeit erreiche ich den Gasthof Wolf in Drognitz, wo ich zum ersten Mal heute aus den Regenklamotten komme. Nachdem mich Herr Wirt mit einer schmackigen Rinderroulade wieder aufgepäppelt hat, bekomme ich gleich noch ein paar Tipps zur Strecke.
Je länger ich in der warmen Gaststube sitze, desto schwerer kann ich mich losreißen. Schon beim Gedanken, daß ich gleich wieder in die nassen Kleider muß, fröstelt mir. Es braucht schon viel Überwindung die letzten 30 km bis Saalburg in Angriff zu nehmen und meine Tapferkeit soll nicht belohnt werden! Schon am Ortsausgang fahre ich wieder gegen einen Berg und der Regen setzt wieder ein!
Ich habe ja schon früher gezeigt, daß ich als professioneller Trapper verhungern müßte. Jetzt folgt der endgültige Beweis! In Ziegenrück muß ich ein Schild übersehen haben, oder wie auch immer. Jedenfalls irre ich seither orientierungslos über übelste steile, ausgewaschene Wege mit kindskopfgroßen Steinen, schiebend und fluchend durch den Wald. Habe ich schon erwähnt, daß es schon wieder regnet? Und anstatt bis zum letzten Schild zurück zu fahren, krame ich den Antichrist aus der Tasche. Dabei weis doch jeder, daß man für die totale Verwirrung Elektronik braucht! Gefühlte Stunden später, ich habe mich schon damit abgefunden von wilden Tieren gefressen zu werden, begegnen mir auf einer üblen Gefällstrecke zwei Mountainbiker mit Anhängern. Selbst diese Cracks müssen mit ihren Geländegängern schieben! So schlecht ist der Weg! Aber immerhin habe ich jetzt die Bestätigung, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Kurz vor Burgk wird es noch einmal ernst! Der Weg verändert sich auf einmal zu einer feingekiesten Waldautobahn die urplötzlich in ein 16% Gefälle übergeht. So schwer beladen wie ich bin steige ich lieber ab und schiebe da runter. Und das ist gut so!! In der Talsohle angekommen macht der Weg einen scharfen Knick nach rechts um sofort in eine 16% Steigung überzugehen! Diese Haarnadelkurve hätte ich nie und nimmer fahrend überstanden!
Als ich am Fuße der Mauern von Schloß Burgk ankomme habe ich endgültig Flasche leer! Wie um meinen geschundenen, zarten Körper zu verhöhnen komme ich genau vor einem Schild zum Stehen, das freudig verkündet, daß das Land Thüringen 3 Mio. Euro verbuddelt hat zum Ausbau des Saaleradwegs. Immerhin konnte so eine Flußschleife abgekürzt werden.
Ist mir jetzt alles Schnurz! Es regnet, ich hab Hunger, mein Knie schmerzt und ich pfeife konditionell aus dem letzten Loch! Ich brauche einen Gasthof! Jetzt! Sofort! Doch alle Häuser die ich ansteuere haben geschlossen. So kommt es, daß ich mich noch ca. 10 km bis Saalburg durchkämpfen muß, bevor ich im Hotel Kranich endlich ein Zimmer finde.
Als ich mein Boudoir betrete bin ich sehr angetan. Mich empfängt ein großzügiges, frisch renoviertes Schlafzimmer mit einem abgetrennten, ebenfalls neuen, Bad. Hier ist es schöner als bei mir zu Hause. Da würde ich am liebsten gleich komplett einziehen!
Nach einer ausgiebigen Putz – und Flickstunde begebe ich mich zu Tisch. Der Gastraum ist fast bis auf den letzten Platz belegt. Als ich meinen Streifzug durch die Speisekarte beendet habe und das Besteck zur Seite lege ist mir auch klar warum. Die servieren hier keinen Quatsch! Als ich den Wirt wieder sehe, sichere ich mir gleich mein Zimmer für eine weitere Übernachtung, sollte es morgen früh regnen.
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Montag, 8. August 2016, 19:04

Freitag, 12.09.2014

Ruhetag in Saalburg

Leichtsinnigerweise habe ich den Wecker meines Handies auf 8 Uhr gestellt. Nur so für den Fall, daß mich ein heftiger Anfall von Arbeitswut packt und ich mich auf den Weg nach Hof machen will. Ich wache auch pünktlich auf. Aber als ich so in Gutsherrenmanier den Vorhang öffne, um meinen Blick über „meine“ Ländereien, den Bleilochsee, immerhin der größte Stausee Deutschlands, schweifen zu lassen, sehe ich nur grauen Himmel und Schnürlregen. Selbst als ich mir den Jogi mache kommen keinerlei Regungen zu blindem Aktionismus auf. So verschwinde ich zur Morgentoilette im Bad.
Nach dem Frühstück lasse ich mich mal ganz vorsichtig ins 10 Uhr – Loch, bzw. mein Bett fallen. In Vorfreude auf das Mittagessen schlafe ich auch sofort wieder ein.
Passend zur Mittagszeit erwache ich wieder. Weil es heute Morgen so schön war wiederhole ich die Gutsherrenzeremonie mit Blick auf den See und Jogikratzen nochmals. Nur daß ich mir die Hände wasche, bevor ich zu Tisch gehe. Heute steht Entenbrust mit Kartoffelklößen als Tagesessen auf der Karte. Das Stück Vogel schmeckt so lecker, daß es mich geradezu in Ekstase versetzt! Mir geht es wieder saugut!
Nachmittags mache ich mich auf zu einer Ortsbegehung. In einem Supermarkt verpflege ich mich für den morgigen Fahrtag. Ansonsten kann ich nichts Besonderes finden, obwohl Saalburg in den 1930er Jahren für seinen Marmor bekannt war.
Zurück beim „Kranich“ setze ich mich unter einem Dachvorsprung an den See. Direkt vor mir liegt an einem Anleger ein kleines Schiff. Zwischen April und Oktober kann man darauf Rundfahrten auf dem See buchen. Just in dem Moment kommt einer, um die Schaluppe klar zu machen. Während der Schiffsdiesel warm läuft entern immer mehr Rentner den Kahn. Als es Zeit zur Abfahrt ist, läuft bereits Partymucke und der Kahn verschwindet gespenstisch wie die Black Pearl mit einer Dieselfahne am Heck im Nebel. Ich könnte schwören ich höre sie singen: „…yohoho and a bottle of rum.“
Ich könnte gerade schon wieder … Abendbrot fassen! Wieder werde ich aus der Küche verwöhnt. Und zur Krönung des Tages gönne ich mir einen Nusseisbecher, in den ich am liebsten reinspringen würde. Ich nehme mir noch ein Glas Bier mit aufs Zimmer, um den Rest des Abends geruhsam vor der Glotze zu verbringen.
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Sonntag, 18. Dezember 2016, 07:19

Samstag, 13.09.2014 52 km; 4:49 h; 817 hm

Saalburg-Hof-Nürnberg

Offensichtlich hat Petrus sich für heute keine guten Vorsätze genommen! Der Blick über den Bleilochstausee verheist Nieselregen, bestenfalls unbeständiges Wetter. Für einen kurzen Moment überlege ich, mich den kulinarischen Genüssen noch einen Tag länger hinzugeben, verwerfe die Idee aber gleich wieder. So gut es mir hier im Haus auch gefällt, ich kann ja nicht hier überwintern.
So schwinge ich mich bei unangenehmer, nasskalter Witterung aufs Bike. Mit steifen, kalten Gelenken nehme ich vorsichtig Fahrt auf in Richtung Saaldorf. Die Straße ist wenig befahren und führt in schönen Kurven durch den sattgrünen Wald. Der See blitzt immer wieder malerisch zwischen den Bäumen und duftenden Farnen durch, was mich ein wenig an den Schatz im Silbersee erinnert. Eigentlich ein Traum für alle Biker! Wäre das Wetter besser und mein Knie würde nicht zicken!
Kurz vor Hof kann ich dann endlich die Regenschutzbekleidung ausziehen. Das ist auch gut so, denn die Straße wird auch zunehmend hügelig. Dafür setzt landschaftlich eine unglaubliche Tristesse ein. Den Fluß sehe ich über weite Strecken gar nicht mehr. Und das Knie zickt immer heftiger.
In Hof ist meine Laune am Tiefpunkt! Meiner Meinung nach habe ich genug Kopfsteinpflaster, Höhenmeter und Regen gesehen. In der Stadt ist ein Mordsverkehr, es ist immer noch kalt und unbeständig und mein Knie verursacht mir mittlerweile richtig Schmerzen. So beschließe ich, die Tour abzubrechen und mich per Bahn nach Nürnberg durchzuschlagen! Am Bahnhof habe ich Glück: in wenigen Minuten fährt ein Zug nach Nürnberg. Von dort aus kann ich morgen über Stuttgart nach Pforzheim fahren. In der Eile finde ich am Fahrscheinautomaten aber das Menü für die Fahrradkarte nicht. Egal jetzt! Der Zug fährt ein und ich muß laufen, damit ich noch mitfahren kann. Den fehlenden Fahrschein kann ich später beim Schaffner im Zug nachlösen.
In Nürnberg stelle ich fest, daß ich von der Stadt buchstäblich keinen Plan habe. Die Touristinfo hat schon geschlossen, also muß das Hotelverzeichnis des Antichristen herhalten. Der weist mir im üblichen Zick-Zack den Weg zu einem billigen Hotel in der Altstadt. Etwas voreilig checke ich ein. Das Zimmer ist schon sehr einfach, die Möbel alt und verwohnt. Das Bad mit WC ist nur durch einen Vorhang abgetrennt. Immerhin kann ich mein Velo in einer verschlossenen Garage unterstellen. Nun ja, für eine Nacht wird es schon gehen.
Nach dem Duschen humple ich in die Altstadt. Mir gelüstet nach asiatischem Essen. Mit dem Tawan Thai in der Nachbarschaft werde ich auch schnell fündig. Leider ist dieses elegante Thai-Restaurant bis auf den letzten Platz belegt. Also beschließe ich einen Bummel durch die Altstadt. Wer weiß, ob sich nicht noch etwas Besseres findet. Schließlich grassiert heute das Saturdaynightfever. Ganz deutlich daran zu erkennen, daß jede Menge Jungvolk durch die Fußgängerzone flaniert.
Mir wird schnell klar, daß ich an einem halben Abend ohne Vorabinformationen und Stadtplan noch nicht einmal an der Oberfläche der Stadtgeschichte kratzen kann. Zumal mein lädiertes Knie meine Mobilität auch noch beschränkt. Stunden später habe ich zwar viel von der Stadt gesehen, aber immer noch kein adäquates Speiselokal gefunden. In meiner Not versuche ich nochmals im Tawan Thai einen Platz zu finden. Und dieses Mal habe ich Glück! Für meine Hartnäckigkeit werde ich mit einer ausgesprochen leckeren Mahlzeit belohnt.
Die Aussicht auf mein unkomodes Zimmer erscheint mir wenig verlockend. So suche ich mir nach dem Essen noch eine Kneipe, die meinem Gusto entspricht. Gar nicht so einfach: wie schon erwähnt grassiert das Nightfever und die guten Kneipen sind so voll, daß einem die Leute schon beinahe entgegenpurzeln, wenn man die Eingangstür öffnet. In einer Karaoke Bar finde ich endlich ein Plätzchen wo ich mich setzen kann. Und es ist gut so. Mein Knie rumort mittlerweile ganz beträchtlich!
Das leckere dunkle Bier macht mit der Zeit auch die schlechteren Sänger erträglich und eben mit der Zeit juckt es mich tatsächlich selbst auf die Bühne zu steigen. Bevor ich mir aber genug Mut angetrunken habe, um diese jungen Menschen mit einem Maffay-Song oder Locomotive Breath zu verstören habe ich Bettschwere erreicht. So verlasse ich stark humpelnd das Lokal in Richtung meiner schmucklosen Unterkunft.

Sonntag, 14.09.2014 20 km; 1:43 h; 243 hm

Nürnberg-Pforzheim-Hamberg

Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen! Die durchgelegene Schaumstoffmatratze war eine Qual und mein Knie pocht immer noch! Gerädert und verkatert schleiche ich in den Frühstücksraum, wo ich zu einer Dame in meinem Alter am Tisch platziert werde. Während des Smalltalks stellt sich heraus, daß die Gute keine 20 km von mir weg lebt und wegen irgendeinem Esoterikseminar in Nürnberg weilt. Weder Frühstück noch Unterhaltung tragen zu meiner Erheiterung bei, so daß ich froh bin als ich mit Essen fertig bin und den Tisch verlassen kann. Ich sehe zu, daß ich packe und zahle. Und als ich den Aluzossen aus der Garage schiebe ist der Himmel genau so grau wie meine Laune. Während der Zugfahrt hat es wieder zu regnen begonnen, d.h. in Pforzheim muß ich schon wieder in die Regenklamotten!
Die sattgrünen, würzig duftenden Farne entlang des Würmtalradweges ignoriere ich heute geflissentlich. Dafür behindert mich mein Knie auf den letzten 3 km den Berg hoch massiv. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, daß mich diese „Kriegsverletzung“ noch mindestens 2 Jahre einbremsen wird. Ich will jetzt nur noch nach Hause!

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