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1

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:07

Die blaublütige..., äääh, blauäuge Arroganz auf dem Weg gen Norden

Hallo, wertes Forumsvolk,

hier mal wieder ein Tourenbericht der etwas anderen Sorte :P ...

Teil 1:

Als ich im April des Jahres in der Duisburger Radstation auf dieses Event aufmerksam gemacht werde, denke ich:"Och, nach knapp acht Jahren 300er Abstinenz könnte ich so was eigentlich mal wieder wagen...". Es dauert dann auch nicht lange, bis aus dem "eigentlich" ein klares Vorhaben wird. Die Vorbereitungstouren schenke ich mir, weil ich einen 100er und auch 150er sowieso jederzeit aus dem Stand heraus fahre.

Zudem bin ich als ALG II-Empfänger finanziell nicht in dem Maße auf Rosen gebettet, als dass ich mir diese Extravaganzen leisten könnte. Ein Umstand auch, der mich meine 1966er Mobylette bei ebay-Kleinanzeigen inserieren und verkaufen lässt, womit ich das 300er Paket schließlich buchen kann. In einem Anfall von Torschlusspanik buche ich dilettantisch sofort alles, was man überhaupt buchen kann, um auch ja später nicht "nackend inne Erbsen" zu stehen und mir womöglich ein Plätzchen am Strand werde suchen müssen.

Meine wesentliche Vorbereitung erstreckt sich nun darauf, möglichst jedem im Freundes- und Bekanntenkreis von meinem bevorstehenden Abenteuer zu berichten. Und nach nunmehr drei 300ern an einem Tag (1999: 303km mit 7-Gang-Schaltung; 2001: 315km ohne Schaltung; 2007: 338km ohne Schaltung und Freilauf, also mit starrer Nabe) bin ich mir auch absolut sicher, den Mund nicht zu voll zu nehmen.

Als ich meinem Fahrradkumpel Pit den Mund mit dieser Challenge wässrig mache, meint der sofort:"Ey, sollen wir mit den Choppern fahren?!" Obwohl (oder vielleicht gerade weil) wir vor zwei Jahren gut 250km an einem Tag mit diesen Monstern gefahren sind (meines wiegt allein nackt 27kg), bringe ich ihn von dieser Idee ab. Ein Anflug von Vernunft lässt mich mein "Lanz Bullshit" (eine kleine Persiflage auf den legendären Lanz Bulldog-Traktor) wählen, das mit 18kg leichteste Bike meiner vier stählernen Zossen. Aber selbstverständlich auch ohne Schaltung, dafür diesmal mit umgedrehtem Hinterrad, also mit Freilaufritzel.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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2

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:09

Teil 2:

Irgendwann beginne ich auf der R2NSC-Site mit so was wie einer ernsthaften Recherche. Aaaaha, man veranschlagt also 19 Stunden inclusive Pausen für dieses Unterfangen. Bei vier Stunden Pause bleiben demnach 15 Stunden reine Fahrtzeit übrig, was genau einem 20er Schnitt entspricht. Schnell entsinne ich mich einer Niedersachsen-Tour, während der ich auf der ersten Etappe nach Bad Bentheim (auf der B70 oder so) permanent mit 25-27km/h nur so dahin flog.

Mit seitlichem Rückenwind aus Südwest natürlich. Der in unseren Gefilden vorherrschenden Windrichtung also. Und die wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch am 20.6.2015 geben. Oder mit anderen Worten: Ich bin quasi bereits in Bensersiel, die eigentliche Tour ist lediglich eine reine Formsache. Ich werde all die Poser auf ihren Carbonrennern zu Statisten degradieren! Steel rules!

Am späten Abend des 19.6. läute ich meine Ruhephase mit ein wenig Candy Crush bei Facebook ein, um mich gegen 23.30 Uhr hinzulegen. Um 1.30 Uhr stehe ich wieder auf, ohne im herkömmlichen Sinne geschlafen zu haben (das TV, das mich in den Schlaf lullen sollte, hatte seinen Job nämlich kläglich versemmelt). Meine Freundin Jackie schmiert die Brote, die ich mir während der Zwischenpausen zu Gemüte zu ziehen gedenke, denn 50km-Intervalle erscheinen mir doch etwas zu lang zur Nahrungsaufnahme.

Noch schnell zwei Stücke Kuchen und einen Cappuccino, und um 3.20 Uhr rollen Jackie und ich zum Startpunkt. Die Straßen sind zwar nass, doch es regnet nicht (wäre auch fataaal für einen Schönwetterfahrer wie mich!). Auf dem Stadionvorplatz herrscht reges Treiben. Jeder scheint irgendjemanden zu kennen, nur ich kenne niemanden. Jackie entdeckt immerhin Jürgen mit seinem blauen Poison-Rennrad. Jürgen hatte mir die Unterkunft im Heuhotel schmackhaft gemacht, weshalb ich die voreilig gebuchte Pension canceln konnte.

Gruise, Paule
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3

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:15

Teil 3:

Da ich in Ermangelung eines geeigneten Handys oder Smarties sowie der dazugehörigen Kenntnisse auf diesen appen Digitalkram verzichte, besorge ich mir am Start rasch das Tour-Booklet. Um dann festzustellen, dass ich in diesem Telefonbuch höchstwahrscheinlich auch dann noch blättern würde, wenn die ersten Teilnehmer bereits am Ziel ihre Pizza essen. So überreiche ich es Jackie. Für später, so als Souvenir - oder für jetzt gleich beim Schreiben.

Als sich das Peloton ziemlich genau um vier Uhr in Bewegung setzt, bilden Jackie auf ihrem Ratbike "Ratatouille" und ich fast das Schlusslicht. Jackie fährt allerdings völlig ohne Beleuchtung, sodass sie sich bereits an der Lotharstraße von mir verabschiedet und zurück zu meiner Hütte fährt. Es geht recht zügig voran. Sozusagen in meinem Wohlfühltempo, nur viel schneller sollte es auch nicht unbedingt sein.

Auf der Brücke (ich kann mir ihren Namen einfach nicht merken) nach dem TÜV über die Ruhrauen ziehe ich in der Steigung zum ersten Sprint an und überhole mit 31km/h einen ganzen Mob. Zwar weiß ich, dass dafür 'ne Menge Körner draufgehen, doch ich möchte gerne ein paar Fahrer hinter mir wissen. Immerhin bin ich zwecks Orientierung ja auf Teilnehmer in meiner direkten Umgebung angewiesen.

Bis Meiderich kenne ich mich noch einigermaßen aus, aber dieses Phänomen gehört schnell der Vergangenheit an. Jau, verdammt traurig für einen gebürtigen Duisburger. Überall winken und jubeln uns diverse Party-Heimkehrer zu. Einer fragt ins Feld, woher wir denn kämen, und ein Fahrer antwortet:"Aus Duisburg." (Zumindest meine ich, diese Frage und Antwort gehört zu haben.) Darauf der Party-Typ:"Datt denk' ich mir, du Witzbold!" Ich muss kurz lachen, der Mann am Straßenrand lacht auch.

Gruise, Paule
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4

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:18

Teil 4:

Kurze Zeit später ereignet sich im Duisburger Norden - oder meinetwegen auch Osten - der erste Sturz; ein Fahrer gerät in die Straßenbahnschienen, verletzt sich zum Glück aber nicht ernsthaft. Immer wieder schließe ich zur jeweiligen Gruppe vor uns auf, in der vagen Hoffnung, bloß nicht den Anschluss zu verlieren. Mir fällt ein älterer Mitfahrer auf einem Trekkingbike auf, der bereits jetzt ernsthafte Probleme damit zu haben scheint, halbwegs mithalten zu können.

Zumindest lassen die Schweißperlen auf seiner Stirn darauf schließen. Der Mann tut mir aufrichtig leid. Das darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass ich mir inzwischen selber leid tue, denn ich bekomme langsam Durst. Und wir haben gerade mal das Ortsschild von Oberhausen-Holten passiert - oder etwas in der Richtung. In der Flaschenhalterung am Oberrohr steckt der Akku meiner Lupine-Xenonleuchte, ein Halbliterfläschchen Tri Top verweilt in der nur zeitraubend zu öffnenden Lenkertasche.

Freihändiges Fahren ist nicht nur wegen der schweren Ortliebtasche am Gepäckträger unmöglich (das Rad zieht gut nach links), sondern auch aufgrund des wahnsinnig weit hinten angebrachten Sattels, der eine Sitzposition erzwingt, die alle Ergonomie- und Fahrphysik-Erkenntnisse mit Füßen tritt. Unweigerlich muss ich an dieses Buch über Aborigines denken, in dem zu lesen stand, dass man Durst mit einem Kieselstein mildern kann (verstärkter Speichelfluss). Bei einem der seltenen Ampelstopps (harrharr!) fingere ich dann auch ein Eukalyptus-Bonbon aus der Lenkertasche und recycle praktisch den eigenen Speichel.

Wir befinden uns bereits außerhalb des Ruhrpott-Molochs, als es langsam heller wird. Eigentlich so was wie ein Motivationsschub, aber dieser "Sonnenaufgang" sorgt eher für trübe Gedanken. Zwischen Horizont und schwarzen Wolkenbergen sehe ich kontrastiert einen hellen, sehr schmalen Streifen etwas freundlicherer Wolken. Ein Szenario also, das mich nicht eben hoffnungsfroh stimmt.

Gruise, Paule
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5

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:21

Teil 5:

Inzwischen radle ich neben einem jüngeren Biker und quatsche mit ihm über diverse Radsportveranstaltungen (Transalp-Challenge usw.) und sonstige Dinge. Währenddessen werde ich urplötzlich von einem anderen Teilnehmer überholt, und zwar in Zentimeterabstand. Nicht weiter schlimm, wenn er sich vorher nur bemerkbar gemacht hätte. Ich spreche ihn nicht darauf an, weil ich davon ausgehe, dass jemand, der dermaßen riskante Manöver fährt, auch mit Kritik nicht allzu viel anfangen kann. Nur achte ich jetzt noch mehr auf mein direktes Umfeld, als ich es ohnehin schon getan habe.

Wie üblich, habe ich auf meinem Tacho-Display nicht die Tageskilometer oder die Gesamtdistanz stehen, sondern immer nur die Uhrzeit, denn ich will gar nicht wissen, wie weit es noch ist oder wie wenig ich erst gefahren bin. Das soll eine Art Psychotrick sein. Nun aber interessiert es mich schon - zumindest latent tut es das -, wann denn endlich die erste Verpflegungsstelle/Pause ansteht. So langsam macht sich nämlich auch ein kleines Hüngerchen in mir breit.

Und dann plötzlich sehe ich die Oase! Die ersten 50km sind geschafft, nach rund zwanzig Jahren bin ich mal wieder eine solche Strecke an einem Stück gefahren. Ich steige vom Rad, verspüre ein leichtes Schwindelgefühl und einen Anflug kalten Schweißes. Das Gefühl kenne ich, und zwar von meinen bislang drei Hungerästen, in die ich mich rücksichtslos gefahren hatte. Das hier könnte Nr.4 werden, also schnell eines der Brote aus der Ortlieb gefischt. Leider vermag dieses Käse-Sardinen-Chili-Sandwich das Loch in meinem Magen nicht so recht zu füllen.

Hinzu kommt, dass das Gros der Teilnehmer bereits wieder aufbricht. Panik steigt in mir hoch! Wie soll ich überhaupt weiterfahren?! Muss ich hier schon aufstecken??! An einem der Biertische erspähe ich Bananen und diese (mir völlig unbekannten) Energiebarren. Wie ich höre, soll jeder Barren 500 Kalorien beinhalten. Meine Rettung! Ich ziehe mir einen davon rein und reguliere danach - ganz Profi! - meinen Nikotinhaushalt mit einer Van Nelle zware.

Gruise, Paule
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6

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:24

Teil 6:

Als ich gerade die Gedrehte rauche, taucht tatsächlich noch ein versprengter Teilnehmer auf. Ganz allein. Es ist Peter, von dem ich zuerst annehme, dass es sich um einen eher missmutigen Zeitgenossen handelt. Zumindest wegen seines dezent angenervt erscheinenden Gesichtsaudrucks glaube ich dies. Die R2NSC-Crew packt bereits ihren Kram zusammen, und neben Peter und mir ist nur noch ein weiterer, deutlich jüngerer Fahrer zu sehen, bei dem es sich - wie ich viel später höre - gerüchterweise um den Sohn des Challenge-Vaters Thomas handeln soll.

Ein weiteres Gerücht (nämlich mein eigenes) besagt, dass er ein Pedelec fährt, wie ich anhand der Rahmentasche schlussfolgere. Ebenfalls viel später realisiere ich, dass diese Tasche keinen Akku verbirgt. An dieser Stelle ein fettes Sorry für diese gemeine Unterstellung! Aber wie dem auch sei, ich bin psychisch völlig fertig, habe gerade mal ein müdes Sechstel der 300er Torte runter gewürgt und muss mich noch durch weitere fünf Stücke kämpfen.

Mit Peter und dem vermeintlichen E-Biker geht's weiter, der übrigens auch Raucher ist und hin und wieder eine Zigarettenpause einlegt. So verlieren wir ihn alsbald aus den Augen, aber er holt uns immer wieder ein. Logisch, mit einem E-Bike keine Kunst - hahaaa. Peter fährt allerdings einen Tick langsamer als ich, was sich jedoch als Vorteil herausstellt. Denn er strahlt eine Ruhe und Zuversicht aus, die wieder Hoffnungsschimmer in mir aufkeimen lassen.

Überdies ist Peter im Vollbesitz eines fähigen Smarties nebst des notwendigen Akku-Krams und der obligatorischen App. Ständig gibt er mir Kommandos wie "Kreisverkehr 12 Uhr" und dergleichen. Beinahe so, als sei ich blind, was aber gar nicht mal sooo weit hergeholt ist. Rein subjektiv verstreichen die nächsten 50km viel schneller als das erste Teilstück, obschon wir erheblich langsamer unterwegs sind.

Gruise, Paule
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7

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:28

Teil 7:

Schon bald ist also Epe erreicht, wo wir allerdings noch ein wenig "um den Pudding" fahren, weil die App oder der Peter oder beide den genauen Punkt wohl nicht so supergenau orten können. Und vielleicht auch deshalb, weil wir keinen Pulk Radfahrer ausmachen können. Ein Großteil der Teilnehmer befindet sich nämlich im Bäckerei-Cafe, wie wir rasch bemerken. Mir geht es jedoch weniger um lecker belegte Brötchen als eher um diese Energiebarren, von denen ich noch zwei Stück einstecke. Eigentlich sehne ich mich nach 'ner Infusion.

Jetzt sind es "nur noch" 200km, und auch ein Sparkassenkunde, der eben jene Filiale verlässt und mich nach dem Woher&Wohin fragt, meint ganz lustig:"Sind ja nur noch rund 200km..." Warum sagt der nicht direkt, es seien nur noch zwei Autostunden?! Nachdem ich meinen Nikotin-Akku aufgeladen haben, starten wir wieder durch. Und erstaunlicherweise nicht als die Letzten, denn Thomas und noch jemand verweilen noch ein wenig dort.

Als Peter nach der Hälfte des dritten Sechstels dieser Torte zu einer außerplanmäßigen Pause aufruft, rollen Thomas und sein angeblicher Sohn jedoch schon wieder winkend und lachend an uns vorbei. Wir fahren durch Gefilde, die mir seltsam bekannt erscheinen, was bei mir aber nichts heißen muss. Nur eine Bank erkenne ich 100%ig wieder, denn auf dieser hatte ich vor Jahren mal anlässlich einer meiner unzähligen Niedersachsen-Runden verweilt und in ein Gebüsch gepinkelt. Wir müssen in der Nähe von Weseke, Metelen, Heek oder Rheine sein. Na, ja, jedenfalls in der Nähe der B70.

Mittlerweile tauchen verstärkt Rückenprobleme im Beckenbereich auf, die ganz eindeutig auf meine unorthodoxe Sitzhaltung zurückzuführen sind. Alle drei bis fünf Kilometer muss ich aus dem Sattel, um im Stehen mein Kreuz durchzubiegen. Und mit meiner Windrichtungsprognose liege ich auch schwer daneben, denn es herrscht überwiegend seitlicher Gegenwind. Peter kommentiert das immer wieder in halb ironischem Ton mit Begriffen aus der Seglersprache. Ich höre dann "am Wind", "im Wind" und solche netten Dinge. Der Wind ist nicht stark, aber bei meinem cw-Wert, der einem Ford T-Modell zur Ehre gereicht, auf Dauer trotzdem recht lästig.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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8

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:30

Teil 8:

Er gibt mir auch regelmäßig die noch zu fahrende Streckenlänge bis zum nächsten Verpflegungspunkt durch. Lautet der Wert z. B. "noch 15,8km", sage ich mir:"Okay, das ist die Strecke Duisburg-Moers." So zerteile ich die 50km-Abschnitte in viele kleine Teilstücke. Stückchen einer immer noch riesigen Torte, von der ich bald die Hälfte geschafft haben werde. In Georgsdorf an einer idyllischen Windmühle ist es dann endlich soweit: Die halbe Torte ist gegessen.

Ich inhaliere den Rest eines angenagten Energie-Riegels und rauche erst mal 'ne Kippe zum Tri Top. Sodann fülle ich aus der in der Ortlieb schlummernden 1,5l-PET-Flasche mein Lenkertäschchenfläschchen auf und vollführe ein paar halbherzige Dehnübungen. Als ich auf einer Bank vor der Verpflegungsscheune ein wenig relaxe, spreche ich - ausgerechnet ICH! - einem anderen Fahrer Mut zu, der gerade im Begriff ist, mit dem Besenwagen zu liebäugeln. Nach einem mehr oder minder erfolglosen Gang zur Toilette stopfe ich noch zwei Energie-Barren in meine Regenjacke, und um 14.10 Uhr sitzen Peter und ich wieder in den Sätteln.

Eine Frau des Service-Teams ruft mir zum Abschied noch zu:"Wenn du die 300 schaffst, wäre das echt der Hammer. Aber selbst 200km sind beachtlich." Zugegebenermaßen bin ich auch wieder relativ motiviert. In erster Linie ist das allerdings Peters Verdienst, denn ich quatsche weiterhin mit ihm über Gott und die Welt, im wahrsten Sinne des Wortes sogar. Nach 175 Kilometern steht abermals eine "Zwischenpause" auf dem Programm, und Peter teilt sich eine weitere Banane mit mir.

Plötzlich biegt die zuvor endlos lange Gerade rechts ab, was dezenten Rückenwind bedeutet. Als ich in den Boah-is'-das-geil-Modus geschaltet habe, höre ich Peter:"Falsch, wir müssen geradeaus weiter!" Und als reiche die Tatsache, nun weiterhin am/im Wind fahren zu müssen, nicht schon aus, verwandelt sich der Asphalt zuerst in Klinkerbelag, dieser in Klinker mit derben Verwerfungen, gefolgt von hügeligem Klinker mit sandigen Abschnitten und schlussendlich in tiefen Sand.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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9

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:33

Teil 9:

Peters Kommentar:"Hier werden die Rennradler ja ihre helle Freude gehabt haben..." Doch auch meine Freude hält sich in überschaubaren Grenzen, denn es ist echt kein Vergnügen, eine 25kg-Fuhre mit 53:22-Übersetzung bei 8km/h durch diese Düne zu zirkeln. Es naht der Punkt, an welchem ich mich mitsamt Bike am liebsten in den Dreck würfe und mit in Tränen erstickter Stimme riefe:"Paaapaaa, ich will nich' mehr, bitte traaaag' mich!" Zu unserem groooßen Glück verliert sich dieser Truppenübungsplatz nicht in der Ferne, sondern findet nach einigen hundert Metern sein Ende.

Meine vormals pessimistische Rechnerei bezüglich der Zielankunft ist nun zwar einem realistischen Pendant gewichen, doch da wir voraussichtlich gegen 16.30 Uhr am nächsten Pausenort ankommen und diesen frühestens um 17 Uhr verlassen werden, blieben selbst bei optimistischer Prognose sechs Stunden für das letzte Drittel dieser Torte. Inklusive mehrerer Pausen, wohlgemerkt! Das bedeutet einen 20er Schnitt, auf die reine Fahrtzeit bezogen natürlich. Mission impossible!

Hinzu kommen noch meine immer stärker werdenden Rückenprobleme, über die auch meine Endorphin-umnebelte und dehydrierte Matschbirne nicht hinwegzutäuschen vermag. Nicht zu vergessen auch das Sahnehäubchen dieser oppulenten Torte, denn nach der Zielankunft müsste ich schließlich noch knapp 20km zum Heuhotel hinter Neßmersiel fahren. So teile ich meinem Gruppetto-Leader in einem, keine Widerrede duldenden Ton mit, dass ich bei 200 Kilometern das Handtuch werfen werde.

Als wir dann um 16.35 Uhr vor der Kneipe in Neudersum ausrollen, steht mein Entschluss endgültig fest: Feierabend! Ich nehme ein Vollbad in einem emotionalen Mix aus tiefer Enttäuschung und der Befreiung von einer schweren Last, aus Schmerz und seiner Linderung, aus Schande und Lethargie. Die von den liebenswürdigen Menschen an diesem Ort angebotene Portion Spaghetti Bolognese lehne ich zuerst ab, um dann doch fast einen ganzen Teller zu schaffen.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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10

Dienstag, 23. Juni 2015, 20:35

Teil 10:

Peter steckt ebenfalls auf, und der junge Mann, dem ich in Georgsmühle noch Mut zusprach, hat es immerhin auch bis hierher geschafft. Mit ihm steige ich dann auch in den Besenwagen, eine Premiere für mich. Peter wird von einem Motorradkollegen und dessen Frau abgeholt, wir geben uns die doppelte Fünf. Nach anderthalb Stunden Fahrt trudeln wir in Bensersiel ein. Ich sehe, wie ein Finisher sich mit seinem über den Kopf gestreckten Bike in Siegerpose ablichten lässt. Das gibt schon einen leichten Stich ins Herz.

Schnell suche ich den Wagen mit unserem Gepäck auf, klemme auch die zweite Ortlieb an den Gepäckträger und verabschiede mich um 20 Uhr aus Bensersiel. Mein Schnitt liegt laut AVS-Angabe des Tachos bei immerhin noch 19,73km/h. Bis zu einer letzten Pinkelpause kurz vor Neßmersiel erhöhe ich ihn tatsächlich auf 19,82km/h. Am Heuhotel angekommen, zeigt das Display: ---.--. Auch mein 21 Jahre alter Sigma BC 700 hat keinen Bock mehr. Insgesamt waren es 224,56km für mich.

Wie der erste Mensch schreibe ich Jackie eine SMS, woraufhin sie mich anruft. Jürgen hat bereits eingecheckt. Etwas lädiert zwar, doch er hat die Strecke mit einem sagenhaften 30er Schnitt gepackt! Um 22.40 Uhr bette ich mich mit meinem Schlafsack ins Stroh, aber an einen vernünftigen Schlaf ist nicht zu denken. Die Endorphin-Armee ist nämlich immer noch in meiner Blutbahn unterwegs. Es war kein konditionelles Problem, keineswegs. Vielmehr lag es an meiner mangelhaften Vorbereitung und leider auch an diesem Bike, das ich so sehr mag.

Gruise, Paule
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Dienstag, 23. Juni 2015, 20:55

Das war ja ein spannender Leseabend mit einem Tourbericht, den ich inhaliert habe, quasi mit den Augen. Alleine die 200 ist ne Hausnummer, wenn man mal mit den Teilnehmern mit HiTech Rädern vergleicht und auf das Heuhotel bin ich ja total neidisch, besser als jede Nobelhütte. :thumbsup:

Endlich wieder neuen Lesestoff gehabt. :hail:
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12

Dienstag, 23. Juni 2015, 21:12

Jou, das Heuhotel war der Hammer!

Und in diesem Zusammenhang fällt mir gerade noch ein ganz besonderes Bonbon ein, sozusagen ein Bonustrack zum Tourbericht:

Ich sitze da also auf einer Bank der rückwärtigen Seite dieses Bauernhofes, trinke einen Latte Macchiato (hatte mir Jackie mitgegeben), rauche eine Kippe und quatsche mit Jürgen (dem 59jährigen mit dem 30er Schnitt), da betritt ein älterer Herr die Szenerie und labert mit.

Respektvoll sage ich zu ihm:"Und du bist auch 'n Finisher...?! Alle Achtung, in dem Alter!" Der ca. 80jährige Mann antwortet:"Nööö, ich gehöre hier zum Hof..." Tja, ohne meinen berühmten Tritt ins Fettnäpfchen geht das echt nie ab :rofl: ...

Gruise, Paule
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13

Dienstag, 23. Juni 2015, 23:41

Paule, mein Held, Du bringst mich um.... vor Lachen.
Was Du geleistet hast ist grossartig, in jedem Sinne. Dein Bericht ist eine herrliche Kirsche auf der Torte. Nächstes Jahr machen wir das zusammen, und fressen die ganze 300-Kilometer-Torte.

Kusje,
Jacqueline

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Mittwoch, 24. Juni 2015, 08:23

:respekt:

Mit dem Rad hätte mich meine Bandscheibenprotrusion schon nach 50 km aufgeben lassen. Nach 200 km hätte man mich glatt für ein Jahr krank schreiben dürfen :dead:


Melde Dich wenn Du noch mal fährst. Dann begleite ich Dich und gebe ich Dir Windschatten ^^
"Nichts macht uns feiger und gewissenloser als der Wunsch, von allen Menschen geliebt zu werden."
Marie von Ebner-Eschenbach
"Gott ist eine vom Menschen erdachte Hypothese bei dem Versuch, mit dem Problem der Existenz fertigzuwerden."
Sir Julian Huxley, engl. Biologe, 1887-1975

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NMG

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15

Mittwoch, 24. Juni 2015, 11:00

repektable Leistung :thumbup:

Da sollten doch eigentlich auch ein paar E Biker mitfahren,
ich hatte ja auch mal kurz mit der Tour geliebäugelt und schon gedanklich den Windschatten dieser Schrittmacher
als feste Größe angenommen um mich mit 25 km/h dranzuhängen ^^ :rolleyes:

Wo waren die denn? In dem Zeitungsbericht war auch keine Rede davon ?(

bhoernchen

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16

Mittwoch, 24. Juni 2015, 11:10

Hach, endlich mal wieder ein schön zu lesender Bericht. Danke dafür.

Und Respekt für die gestrampelte Strecke. :thumbup: Ich fahr ja kaum mal bis zur 100er Marke. :rolleyes:

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NMG

17

Mittwoch, 24. Juni 2015, 11:13


Wo waren die denn? In dem Zeitungsbericht war auch keine Rede davon ?(


Ich habe am Start eine Frau mit Pedelec gesehen, und am Sonntagmorgen unterhielt ich mich mit einem Teilnehmer, der mich wissen ließ, dass er auch mit einem Pedelec unterwegs gewesen war.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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18

Mittwoch, 24. Juni 2015, 20:13

In dem Zeitungsbericht war auch keine Rede davon


Wo gibt es denn diesen Bericht?
Die Glorreichen schieben ...

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NMG

19

Donnerstag, 25. Juni 2015, 00:48

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg…id10809946.html

Sooo, hier ist der Link. Nee, nee, es ist nicht so, wie Du denkst :fie: , denn Jackie hat mich ans Händchen genommen, sodass dieser Link hier so zu sehen ist, wie er eben hier zu sehen ist :dead: .

Gruise, gejackter Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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20

Donnerstag, 25. Juni 2015, 08:38

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg…id10809946.html

Sooo, hier ist der Link. Nee, nee, es ist nicht so, wie Du denkst :fie: , denn Jackie hat mich ans Händchen genommen, sodass dieser Link hier so zu sehen ist, wie er eben hier zu sehen ist :dead: .

Gruise, gejackter Paule


Nennt man HiJacking.

Aha, eilige Rentner mit viel Zeit zum Üben bilden das Spitzengrüppchen. Deren Gesichter hätte ich gerne gesehen, als Du auf den Hof gerollt bist. :D
Die Glorreichen schieben ...

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NMG

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