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Montag, 30. Januar 2012, 20:24

Mein Höllenritt durch den Schwarzwald

Ein weiterer Tourenbericht. Im August 2001 nahm ich an der "Tour de Ländle" teil. Hier meine Eindrücke...

Wie der Name vielleicht schon vermuten läßt, handelt es sich hierbei um eine Bike-Tour durch´s Baden-Württembergische. Oder genauer: Die diesjährige - wie in den Vorjahren vom SWR 4 veranstaltete - Tour führt von Biberach/Riß über Leutkirch, Pfullendorf, Donaueschingen, Titisee-Neustadt, Bad Krozingen, Wolfach, Rottenburg und Calw nach Karlsruhe. In zehn Tagen neun Etappen bei einem Ruhetag, 685 Kilometer insgesamt.

Es sind um die 650 gemeldete Teilnehmer, die zum geringeren Teil in Hotels und zum weitaus größeren Teil in Turnhallen übernachten; dazu gesellen sich noch gute tausend Biker, die entweder nur einen oder mehrere Tag(e), teilweise aber auch die ganze Strecke mitfahren. Diese Leute nächtigen in Zelten und sparen die 450 Mark für die Unterbringung (mit Frühstück) in den Hallen. Obwohl ich das Campen grundsätzlich mag, habe ich mich für diese Gemeinschaftsunterkünfte entschieden, denn der Abriß des Zeltes in frühester Morgenstund´ und dann auch noch auf nüchternen Magen liegt mir überhaupt nicht.

Bei den unterschiedlichen Altersgruppen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und auf ebenso unterschiedlichen Bikes gehe ich davon aus, daß das Streckenprofil schon nicht so hart sein wird. Außerdem dürfte das zu durchstreifende Gebiet touristisch so weit erschlossen sein, daß man sicherlich eine Route ausgewählt haben wird, die eher seichte und lange als kurze und heftige Steigungen beinhaltet. Denke ich. Aber bereits die erste Etappe ist ziemlich hügelig und hier und da auch mit kurzen, knackigen Anstiegen versehen.

An einer besonders steilen Rampe stoße ich schon an meine Grenzen: Im Gegensatz zu vielen anderen muß ich zwar nicht schieben, doch diese Steigung hätte auch keine zehn Meter länger sein dürfen. Sollte es vielleicht ein wenig leichtsinnig gewesen sein, mit einem Rad ohne Schaltung auf diese Reise zu gehen ?! Egal, denn jetzt ist es eh zu spät. Und wenn ich wirklich mal schieben muß, ist das auch halb so wild. Hauptsache, ich werde nicht vom Besenwagen eingesammelt.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus, meusux, rogger

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Montag, 30. Januar 2012, 20:46

Am Zielort Leutkirch folgt große Verwirrung. Für mich jedenfalls, denn ich habe mich vor dem mittäglichen Start rigoros allen möglichen Informationsquellen entzogen gehabt - der ganze Rummel nervte mich ziemlich. Ich wollte schließlich fahren, die Landschaft genießen und möglichst viele Kilometer fressen. Nun gut, unser aller Gepäck wird in - für jede Unterkunftsart unterschiedlichen - Post-LKWs transportiert, die wiederum an verschiedenen Orten halten und den ganzen Kram auf den Boden legen. Aus unerfindlichen Gründen fahre ich natürlich erstmal an dem Schulgelände vorbei, welches unter anderem genau die Turnhalle beherbergt, die unsere Unterkunft darstellt.

Irgendwie muß ich mich immer verfahren; selbst wenn hunderte von Bikern rechts einbiegen, komme ich nicht umhin, mich noch einmal zu vergewissern, ob vielleicht nicht noch eine andere Möglichkeit bestünde, zum gewünschten Punkt zu gelangen. Aber egal, denn aufgrund dieses - eigentlich vollkommen unsinnigen - Umweges erfahre ich immerhin, wo EDEKA und LIDL liegen. An der Gepäckhalde eingetroffen, beginnt dann die Suche nach meinen beiden TOPEAK-Taschen und dem Schlafsack-Sack. Ich stelle mich sodann in die Schlange vor der Halle, um später das leicht fluoreszierende gelbgrüne Armband in Empfang zu nehmen, das uns alle in den folgenden zehn Tagen uniformieren soll. Daß eben nur Leute mit diesem Armband in die Halle kommen, hat selbstverständlich viele gute Gründe. Von irgendwelchen Diebstählen ist mir während der ganzen Tour jedenfalls nichts zu Ohren gekommen.

Nach diesem Aufnahme-Ritual schleppe ich meinen Kram in die Halle und erblicke Matratzen, soweit das Auge reicht ! Ich finde noch eine in der Nähe einer Längswand; es sind zwar noch mehrere frei, aber die Plätze ganz in der Mitte der Halle sind - glaube ich mal - nicht unbedingt beliebt. Der Rest ist eine Sache von Sekunden: rasch die Matratze mit meinem brandneuen Spannbetttuch bezogen, die drei Taschen draufgelegt und fertig. Was will ich in dem Gewimmel ?!? Schon mal duschen gehen ?

Mit 120 Mann in dem gekachelten Raum, der sich schnell zur Sauna entwickeln dürfte ? Ich sehe sie in Scharen - Badetücher, Duschgel und Klamotten schwingend - zu den Duschräumen hasten. Nein, Hektik pur !!! Eine Dusche sollte schon etwas entspannend sein. Außerdem ist es noch recht früh und somit auch noch recht warm, und das bedeutet: Fürchterlich schnell wäre ich nach dem Duschen wieder naß geschwitzt. Unsinn also. Ich gehe hinaus zu meinem treuen Zossen (zu meinem Bike natürlich), den (das) ich auf dem (logischerweise) angrenzenden Sportplatzrasen geparkt habe.

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus

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Montag, 30. Januar 2012, 21:03

Erstmal eine Gedrehte geraucht und nachgedacht*. Gut, dann fahr´ ich ein wenig in der Gegend ´rum, bis ich der Meinung bin, daß sich der Dampf aus dem Duschraum verzogen haben könnte. Es ist ein recht schnuckliges Städtchen, dieses Leutkirch. Mit schnucklig welliger Topographie, wie ich schnell feststellen darf. Diese Straße ´runter, mal links, mal rechts, und schon habe ich mich wieder verfahren. Klappt doch prima. Für den nächsten Tag kaufe ich noch einige Dosen Eistee und ein paar Müsliriegel. Nach einiger Zeit kehre ich tatsächlich wieder zurück und dusche fast allein. Ein anderer Tour-Teilnehmer fragt mich, ob ich nicht Bock habe, mit zum Stadtfest zu kommen, das jetzt jeden Abend stattfinden wird.

Wir werden von Schlagermucke der übelsten Sorte empfangen, die Leute sitzen an den Tischreihen zusammen und feiern - in Schunkelbereitschaft. Und plötzlich - ich hätte drauf wetten können - beginnen sie auch zu schunkeln. Das ist mein Zeichen, diese Festivität zu verlassen. Zurück am Sportplatz, schwinge ich mich auf mein Bike und fahre in den Sonnenuntergang hinein. Das ist meine Entspannung. Bei einer Pause ziehe ich mir ein paar von den Broten ´rein, die meine Freundin Bine mir für die Zugfahrt nach Biberach und die erste Etappe zubereitet hatte. Wenn man on the road ist, schmecken diese Brote immer mindestens doppelt so gut wie üblich.

An meinem Nachtlager angelangt, breite ich mich auf dem Schlafsack aus und lese noch etwas in der neuen Oldtimer-Markt, die ich ebenfalls bei Edeka erstanden habe. Es ist schon ein eigenartiges Feeling, mit hunderten von Menschen einen Schlafraum zu teilen. Nicht unbedingt unangenehm, sondern vielmehr neutral. Ich fühle mich nicht beobachtet und beobachte selbst auch niemanden. Und schlafe ziemlich schnell ein. Bereits um 4.30 Uhr stehen die ersten Biker auf, eine gute Stunde später dann auch ich. Relativ rasch habe ich die Sachen für den Gepäcktransfer zusammen gepackt und zum LKW gebracht.

Ich begebe mich zum Frühstücksraum und stelle fest, daß weder Geschirr noch Sitzplätze vorhanden sind; ich bin ganz einfach zu spät dran. Tja, dann eben nicht. Ich setze mich neben mein Bike und frühstücke dort mit den letzten Broten, einigen Müsliriegeln und Eistee. Danach rasiere ich mich in allerbester Open-air-Manier, denn die Toilettenräume sind nach wie vor überfüllt. Ich beschließe, mich morgens überhaupt nicht mehr zu waschen; die allabendliche Dusche soll reichen. So ein bißchen Gammelei verstärkt den On-the-road-Effekt nur noch mehr und gefällt mir hin und wieder ganz gut.

Gruise, Paule

*: Mit dem Nachdenken war es nach diesen Gedrehten oftmals nicht allzu weit her, da ich vor einem Jahrzehnt noch fleißig gekifft habe :o . Dass ich mir diese kleinen Gras-Tütchen allmorgendlich auf meinem Schlafplatz zubereitete, fiel niemandem auf, aber ein älterer Schwabe meinte morgens, als ich etwas abseits vor der Halle stand und mich für die Etappe dopte:"Na, rauchschte wieder dei Stöffle...?!" :rofl: ...
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus

4

Montag, 30. Januar 2012, 21:11

Auf geht´s zum Marktplatz, von wo aus der Start zur zweiten Etappe stattfinden soll. Rummel im Kubik, hektisches Treiben allerorten. Ich halte mich am Rande des Geschehens auf und fiebere dem Start entgegen - ich will fahren. Aber nein, zuerst muß noch das von der AOK inszenierte - und gewiß auch gut gemeinte - Aerobic-Programm durchgezogen werden. Allerdings ohne mich. Total unsportlich, ungesund und unvorbildlich rauche ich eine letzte Zigarette, bis sich der Troß endlich in Bewegung setzt. Auf den ersten drei bis vier Kilometern schleichen wir mit höchstens 14 km/h dahin, dann entwirrt sich das Teilnehmerknäuel langsam. Die erste seichte Steigung läßt nicht lange auf sich warten, wie wild wird überall ´runtergeschaltet.

Rassel, schepper, quietsch und knack. Mit Trittfrequenzen von über 100 pro Minute bei gequälten 10,938 km/h hechelt alles um die Wette, obwohl diese 5%-Steigung gar keinen solch kleinen Gang erfordert. Schon nach sehr kurzer Zeit sinken Trittfrequenz und Geschwindigkeit gleichermaßen. Als die Geschwindigkeit auf sagenhafte 5 km/h gesunken ist, habe ich keinen Bock mehr, suche eine Lücke und überhole mit 20 km/h eine Riesentraube von Bikern. Nicht um anzugeben oder weil ich der Über-Biker bin, sondern weil es ohne Schaltung einfach erforderlich ist, um nicht aufgrund von Gleichgewichtsproblemen umzukippen. Als ich auf dem anschließenden Gefälle von den zuvor Überholten wieder überholt werde, quatschen mich die ersten an:,, Du fährst ohne Schaltung !?! Alle Achtung !‘‘ - Ob das denn am Berg nicht schwierig sei. Nein, noch nicht, denn das hier sind ja wohl noch keine Berge.

Die ersten richtig ernst zu nehmenden Steigungen soll es laut Aussage einiger Teilnehmer, die sich in der Gegend recht gut auskennen, auf der vierten Etappe von Donaueschingen nach Titsee-Neustadt geben, also dann, wenn es in den Schwarzwald geht. Auf den ersten knapp 40 Kilometern dieser Etappe ist ein Anstieg von 680 auf ca. 900 Meter zu verzeichnen, gespickt mit nicht weiter nennenswerten Steigungen und Abfahrten. Dann erwartet uns der erste Hochgenuß eines jeden Bikers: ein etwa fünf Kilometer langes Gefälle, auf dem permanent 40 bis 55 km/h gerollt werden. Zumindest bei mir, denn mittreten ist bei einer 52:22er Übersetzung wirklich nicht mehr möglich.

Schön kurvig windet sich die sonst kaum befahrene Straße durch herrlich bewaldete Gegend - man könnte sich glatt daran gewöhnen. Diesem kurzen Rausch folgt jedoch sehr schnell die Ernüchterung in Form eines - für mich Ruhrgebietler jedenfalls - deftigen Anstiegs. Aber das weiß ich ja jetzt noch nicht. Die Straße steigt halt mal wieder an, wie bereits häufiger auf dieser Tour; eigentlich bin ich ganz froh darüber, daß ich mir morgens vor dem Start nie die Kärtchen mit dem Streckenprofil bei einem der Info-Stände besorge. Wenn man nicht weiß, wie lange es noch bergauf geht, ist die psychische Belastung auch nicht so groß...

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus

5

Montag, 30. Januar 2012, 21:19

Die physische Belastung ergibt sich schon ganz von allein. Wieder schaltet das Feld (insgesamt) mehrere tausend Gänge zurück, und wieder gehe ich nach altbewährter Manier vor und ziehe mit 18 bis 20 km/h am Mob vorbei. Mir ist natürlich vollkommen klar, daß ich dieses Tempo nicht ewig werde halten können. Doch auch, als ich mich bei 12 bis 14 km/h eingependelt habe, überhole ich immer noch Biker um Biker. Der Puls bewegt sich rein gefühlsmäßig in erträglichen Grenzen, und auch die Atemtechnik funktioniert wie gewünscht. Mechanisch trete ich weiter und denke wieder an Louis Trousselier, Francois Faber oder Octave Lapize, jene Bezwinger der Tour de France vor dem Ersten Weltkrieg. Ab 1910 ging´s in die Pyrenäen. Auf größtenteils unbefestigten Straßen bei widrigsten Wetterverhältnissen und ohne Schaltung.

Die Fahrer konnten zwar das Hinterrad umdrehen und auf das Bergritzel umketten, aber komfortabel war das nicht gerade. Warum ich an solche Dinge denke ?! Ganz einfach: Im Vergleich zu den damaligen Bedingungen ist meine jetzige Aufgabe doch regelrecht lächerlich und sollte demnach zu bewältigen sein. Die Beine werden schwerer, der Schweiß rinnt in Strömen und das Tempo ist auf 10 km/h gesunken, aber ich überhole immer noch. Pro Tretkurbelumdrehung lege ich 5,35 Meter zurück; ich runde auf fünf Meter ab und beginne zu zählen: 5, 10, 15, 20, 25, 30 Meter. In einer Kurve sehe ich einige von uns stehen und beschließe, mich zu ihnen zu gesellen, um eine erste Trinkpause einzulegen. Ich will mich schließlich nicht verausgaben. Und wieder höre ich Kommentare wie:,,Du fährst ohne Schaltung !?!‘‘ - Mit ungläubigen Gesichtern betrachten sie mein Rad.

Mit etwas aufgepepptem Elan geht´s weiter, wieder das gleiche Prozedere des Überholens - bis zur nächsten Pause. Die Pausenintervalle werden kürzer, die Kraft läßt nach. Eine Frau mit einem vollgefederten City-Bike fährt vorbei. Nein, sie hüpft vorbei - hier wird das Fully zum Flummy ! Was tun die Leute sich nur alles an ?! Ein gefedertes Bike schluckt bekanntlich sowieso schon Energie; wenn dann auch noch billige Federelemente zum Einsatz kommen und diese zudem falsch eingestellt sind, wird das Fahrrad zu einer perfekten Energie-Vernichtungsmaschine. Außerdem wiegt der ganze Kram nicht eben wenig. Aber wenn einem die Werbung vorgaukelt, mit diesen Errungenschaften gehe alles leichter und vor allen Dingen bequemer, dann glaubt man das halt. Und überhaupt: Die anderen fahren ja auch solche Bikes und man will ja schließlich möglichst in sein.

Nun ja, noch ein paar Meter und der Thurner ist erreicht. Ob es sich dabei um den Namen des Hügels oder des Ortes handelt, habe ich nicht herausgefunden. So ziemlich jeder gönnt sich eine Pause, ich schütte etwas Flüssigkeit in mich hinein und stelle fest, daß mein Vorrat bedenklich geschrumpft ist. Die Straße, auf der wir weiterrollen, ist schon stärker von Autos befahren, so daß es für mich schwieriger wird, meine Überholmanöver durchzuziehen. Denn es geht ganz leicht bergan, wohl Grund genug für viele, genau in dem Gang weiter zu kriechen, mit dem man die vorangegangene Steigung bewältigt hat. Kurz vor Hinterzarten gibt´s noch eine kleine Steigung, vor der sich plötzlich alles staut, der Grund ist eine ,,Wasserstelle'‘. Hier werden nicht die üblichen Getränke ausgegeben, sondern man kann sich seine Flasche mit normalem Leitungswasser aus einem Gartenschlauch auffüllen lassen. Mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee, denn der Durstlösch-Effekt ist bestimmt besser als bei dem lauwarmen, verschalten und süßen Eistee, den ich in den letzten Stunden genossen habe.

Gruise, Paule
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Marcus

6

Montag, 30. Januar 2012, 21:30

Und weiter geht´s....nein !!! In einiger Entfernung sehe ich den Malteser-Wagen stehen, dahinter einige Biker. Die sogenannten Roten Radler, die die Tour begleiten und wohl für Ordnung sorgen sollen, haben die Weiterfahrt für unsere Gruppe noch nicht freigegeben. Diese speziellen Radler, die - wie der Name schon sagt - alle rote Trikots tragen, rekrutieren sich aus unterschiedlichen Radsport-Vereinen und legen teilweise eine Arroganz an den Tag, die das Gesamtbild dieser Tour etwas eintrübt. Beispiel: Wir fahren in einer seichten Steigung mit vielleicht 12 bis 14 km/h dahin, ich überhole mal wieder.

Natürlich nicht, ohne mich vorher vergewissert zu haben, ob die linke Fahrbahnhälfte auch wirklich frei ist. Mitten im Feld fahren drei der Roten Radler schön nebeneinander und blockieren die rechte Spur. Ich überhole auch sie und warte schon auf einen ganz bestimmten Spruch. Und da tönt es auch schon:,, Rechts fahren !‘‘ - Ich:,, Rechts ist besetzt !‘‘ - Welch´ Unsinn ! Ich hätte das ja noch verstanden, wenn die drei Roten die Spitze der Gruppe markiert hätten - aber so !?! Wahrscheinlich der lächerliche Ausdruck einer Profilneurose, denke ich mir und überhole weiter, bis es wieder bergab geht. Bald überholen mich die Roten natürlich wieder; sie brauchen übrigens nicht die Seite zu wechseln, denn ich fahre hübsch rechts.

Es dauert nicht mehr lange und wir rollen am Rande des Titisees dem ersten Ziel entgegen - dem Kirmesplatz nebst seinen SWR4 -, AOK- und sonst was für Ständen. Aber ich will natürlich möglichst schnell zur neuen Unterkunft, in der wir immerhin die nächsten beiden Nächte verbringen werden. Allein deshalb ist es für mich wichtig, einen relativ guten Matratzenplatz in der Halle zu ergattern, sprich: früh dort zu sein. Andererseits steht mir absolut nicht der Sinn danach, die Kopie eines Stadtplanes zu ordern, anhand derer ich dann den Weg zur Halle finden soll. Mit Straßenkarten jedwelcher Art hab´ ich´s nämlich nicht so. Zwei Jugendliche meinen, den rechten Weg gefunden zu haben und starten auch direkt in diese Richtung, ich zögere noch etwas und frage ein paar Leute. Nach deren Bestätigung fahre ich hinterher und entdecke sogar kleine Wegweiser mit der Aufschrift Neustadt.

Der schmale Weg ist gut asphaltiert und ich treffe kaum jemanden, es macht richtig Laune. Plötzlich eine Gabelung: Halblinks sehe ich Schlamm und Pfützen, rechts steigt der Weg zwar stark an, ist aber weiterhin asphaltiert. Also wähle ich diese Möglichkeit und muß schon nach ein paar Metern schieben. In einer Kurve parken am Wegrand drei Bikes, doch weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Ich schiebe weiter. Die Asphaltdecke ist inzwischen sehr grobem Schotter gewichen, dort wäre es selbst in der Ebene und trotz meiner 622-50er-Marathons schwierig zu fahren. Wieder eine Gabelung - halblinks oder rechts. Tja, nach dem Stand der Sonne müßte ich halblinks fahren (schieben) und tue das auch. Brütende Hitze, ich nehme einen tiefen Zug aus meiner Halbliterflasche und registriere, daß ich nur noch 0,3 Liter habe. Gott, führ´ mich nich´ in die Irre !

Gruise, Paule
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Marcus

Zuchthauspraline

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7

Montag, 30. Januar 2012, 21:36

Nein sie hüpft vorbei :lol:

Wie G__l ist das den Flummyriding :rofl:

Gruß Andy

8

Montag, 30. Januar 2012, 21:39

Der Weg wird immer mieser, und normalerweise müßte mir der gesunde Menschenverstand sagen, daß ich hier unmöglich richtig sein kann. Überflüssigerweise schiebe ich noch ein paar weitere Meter und kehre dann um. Unten angekommen, biege ich in die Matsch-Pfützen-Abzweigung ein und lande etwas weiter auf einem wohl selten benutzten Feldweg, der sich an einem Weidezaun entlang schlängelt und nach einiger Zeit tatsächlich an einer Straße endet. Ich gerate in ein Gewerbegebiet, in dem ich aber trotzdem ein Wohnhaus erspähe, auf dessen Balkon eine Frau zu sehen ist. Die weist mir endlich den richtigen Weg. Nachdem ich vor der Halle meine drei Taschen gefunden habe und ´reingegangen bin, stelle ich freudig überrascht fest, daß ich bei weitem nicht der letzte bin und belege einen guten Platz in zweiter Reihe.

Zwei Quadratmeter Privatsphäre für die zwei folgenden Nächte; wie schnell man sich doch daran gewöhnen kann, diese Matratze als Schlafplatz, Umkleidekabine und sogar als Schreibtisch (Tage- und Fahrtenbuch wollen ja auch geführt sein!) zu benutzen. Ich schnappe mir meinen Akku-Rasierer und überbrücke die Zeit bis zum Duschen damit, ein etwas außerhalb gelegenes Waldstück aufzusuchen und mir dort in aller Ruhe eine Outdoor-Rasur zu genehmigen. In den Toiletten- und Duschräumen drängen sich zehn Mann vor einem Spiegel, hier draußen habe ich ein paar Hektar für mich allein ! Danach fahre ich noch etwas planlos in der schönen Gegend ´rum, dusche später am Abend, um folglich weiter die Umgebung zu erkunden.

Nach einem ausgiebigen Frühstück ist am nächsten Tag (dem Ruhetag) ein kleines Sightseeing angesagt, das mich zuerst zum Titisee führt. An einem Montagmorgen ist selbst hier relativ wenig los. Auf einer Bank am - nicht zugemüllten - Ufer mache ich eine kleine Pause und beobachte einige Fische im klaren Wasser. Für einen Großstädter wie mich eine beinahe erschreckend heile Umwelt. Ich beschließe, noch einmal den Ort meiner gestrigen Irrfahrt aufzusuchen, denn ich mag irgendwie Wege, die danach aussehen, als führten sie nirgendwo hin. Von dieser Schotterpiste zweigt nach einiger Zeit ein zugewachsener Forstweg ab, der einen sehr steilen Hang hinaufführt. Schieben kann man das, was ich hier mache, eigentlich nicht mehr nennen.

Es ist vielmehr ein Hinaufwuchten des Bikes. Aber die wunderbare Aussicht entschädigt für diese schweißtreibende Aktion allemale - und kein Mensch weit und breit. Doch was ist das ?!? Nach einer knappen Stunde erblicke ich tatsächlich eine(n) Wanderin (Wanderer), so genau kann ich das von hier oben nicht erkennen. Ich begebe mich wieder nach unten und fahre hinterher; vielleicht kennt er (sie) sich ja in der Gegend aus. Am Ende des Weges - klar, es ist eine Sackgasse - sehe ich eine ratlose Frau, die mich fragend ansieht. In einem kurzen Gespräch ergibt sich folgendes Phänomen: Sie kennt sich noch weniger aus als ich ! Ich kann ihr den Weg nach Neustadt erklären - es geschehen noch Wunder. Den Rest des Tages verbringe ich mit leichtem Cruisin´ und der Suche nach einem angemessenen Restaurant für´s Abendessen.

Angemessen bedeutet in meinem Falle: Ich muß mein Bike sicher abstellen können; am besten wäre, ich könnte es während des Essens sehen. Doch in dieser - von Touristen reichlich gefluteten - Schwarzwald-Stadt finde ich nichts, was mir zusagt. So ziehe ich mir abends einen Wurst-Käse-Salat in der Turnhallen-Kantine ´rein. Und drehe danach noch die übliche Gute-Nacht-Runde, bei der ich eine wunderbare Straße entdecke, die durch schönsten Wald ausnahmsweise ohne nennenswerte Steigung in einen Nachbarort führt. Leider ist es schon zu spät, um die Sache noch mit meiner 3,5-Dioptrien-Sonnenbrille anzutesten. Die ungetönte Nachtsichtbrille liegt in einer der beiden Taschen auf meinem Nachtlager.

Gruise, Paule
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Marcus, ullebulle

chrise

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9

Samstag, 31. März 2012, 20:32

Mehr, mehr!!!

Mahatma Josef Gamsbichler

unregistriert

10

Samstag, 31. März 2012, 21:02

Paule, ich danke dir für den erfrischenden Bericht! Du solltest deine Gabe des Schreibens wirklich ausnutzen!

11

Samstag, 31. März 2012, 22:03

Die fünfte Etappe steht an - die sogenannte Königsetappe. Alles spricht von einer wahren Hammersteigung, die auf einer Länge von knapp fünf Kilometern überwiegend zehn Prozent Steigung aufweisen soll. Mmh, seit wann liegen die Pyrenäen im Schwarzwald ?! Doch ich mache mich nicht verrückt und gehe den Tag so entspannt an wie immer. Auf den ersten 40 Kilometern verläuft alles wie gehabt - bergauf und bergab.

Mittagsrast ist in Todtnau, einem vermutlich niedlichen Städtchen, das man vor lauter Touries und uns 1500 Bikern kaum sieht. Man kann an einem Stadtrundgang teilnehmen oder der Herstellung einer Original-Schwarzwälder-Kirschtorte beiwohnen. Die Torte interessiert mich ja schon, aber wo um alles in der Welt kann ich ein Stück davon genießen ? Ich sehe nur überfüllte Straßencafes und Konditoreien - ohne Parkmöglichkeit für´s Bike.

Wieder bereiten mir die zur Neige gehenden Flüssigkeitsvorräte leichte Sorgen, denn in den ganzen Nippes-, Kitsch- und Tandläden kann ich nichts zum Trinken kaufen. Bevor ich weitere sinnlose Meter in Todtnau abspule, beschließe ich, einfach schon mal weiter zu fahren. Als ich gerade den Ort verlassen will, entdecke ich am Straßenrand einen Getränkemarkt, in dem ich eine Literflasche Apfelschorle erstehe.

Das müßte - und muß - für den nun folgenden Aufstieg zum Notschrei eigentlich reichen. Die Straße steigt an, sie steigt sogar ziemlich spürbar an. Aber ob das jetzt 10 % sind, vermag ich nicht zu schätzen. Wenn man ständig auf und ab fährt, verliert man irgendwie den Bezug dazu. Es sind bestimmt 35 Grad im Schatten, nur gibt´s auf dieser Straße keinen Schatten.

Wieder habe ich mich bei 10 bis 12 km/h eingependelt und überhole die hochfrequenten Niedriggängler. Natürlich geschieht dies´ nicht mal so eben mit links, obwohl ich am nunmehr fünften Tag einen gewissen Gewöhnungseffekt nicht leugnen kann, der sich bei mir eingestellt hat...

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus, rogger

12

Samstag, 31. März 2012, 22:10

Man nimmt die Landschaftsform halt einfach hin, man ergibt sich und tritt weiter. Was soll man auch sonst machen ?! Außerdem funktioniert´s ja, ich verausgabe mich nicht total, sondern fahre vielleicht mit 90 % dessen, was möglich wäre. Aber der Schweiß fließt, mein Piratentuch ist längst gesättigt und die salzige Brühe läuft an den Schläfen herab. Manchmal verirrt sich ein kleiner Strom in die Augen, das ist selbstverständlich sehr unangenehm.

Ich halte an, wische mir mit dem T-Shirt das Gesicht ab und kippe lauwarme Apfelschorle in mich ´rein; hat der Puls wieder einen relaxten Wert erreicht, trete ich weiter. Nach ungefähr einer halben Stunde - die Pausen eingerechnet - bin ich oben. Ich empfand diese Aktion nicht so stressig wie den Aufstieg zum Thurner. Bei der Rast auf dem ,,Gipfel‘‘ fällt mein Blick zurück auf die soeben erklommene Straße und ich entdecke ein Schild, auf dem ein Gefälle von 10% angegeben ist.

Also war es doch so steil ?! Aber bestimmt nicht die komplette Strecke, sondern nur die steilsten Abschnitte. Egal, denn ich hab´s geschafft und jetzt geht´s bergab. Bei einer Zigarette lasse ich die durchgeschwitzten Klamotten ein wenig von der Sonne trocknen, da der nun folgende Fahrtwind absolut dazu imstande sein könnte, eine schöne Sommer-Erkältung zu verursachen. Vor knapp zwei Jahren auf der Duisburg-Ludwigsburg-Tour hab´ ich´s nämlich geschafft, mir zwischen Heidelberg und dem Zielort eine solche Sache einzufangen.

Bei über 50km/h war der Fahrtwind auf dem schweißnassen Oberkörper so kalt, daß ich richtig gefroren habe. Und bei den wundervollen Abfahrten hier im Schwarzwald konnte ich einmal sogar 67km/h auf dem Tacho erblicken. Es wäre auch noch mehr möglich gewesen, aber die schlechte Fahrbahn und meine Unkenntnis des Streckenverlaufs ließen das nicht zu.

Doch das Feeling war schon phänomenal: Ich ließ die Bremse los, und es kam mir vor, als zöge mich jemand an einem Gummiband in die Tiefe. Ich mußte also ständig bremsen, um diese Geschwindigkeit zu halten ! Außerdem befanden sich auf der Strecke ja noch andere Teilnehmer, die nicht unbedingt antesten wollten, was die Straße so verträgt. Ich konnte nie wissen, ob hinter der nächsten Kurve jemand mit 30km/h dahinschleicht und mußte mich schon deshalb etwas zurücknehmen.

Nach dieser ca. zehn Kilometer langen Abfahrt steuern wir jedenfalls kurz vor dem Ziel noch die obligatorische Wasserstelle an; nach raschem Auffüllen meiner 0,5ltr.-Plastik-Einwegflasche will ich am besten sofort weiter. Wegen eines adäquaten Matratzenplatzes natürlich ;) ...

Gruise, Paule
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

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Marcus, meusux

13

Samstag, 31. März 2012, 22:17

Vor der Weiterfahrt stehen jedoch die berühmt-berüchtigten Roten Radler, die die Angelegenheit mal wieder hinauszögern. Nach einer Fahrt durch weitläufige Felder erreichen wir Bad Krozingen und bald auch unsere Schlafhalle. Und wieder ergattere ich einen Platz in zweiter Reihe; die Luft in der Halle ist wirklich zum Schneiden. Das übliche Prozedere folgt: Spannbett-Tuch über die Matratze gezogen, Taschen draufgeknallt und ´raus aus der Sauna.

Die Suche nach einem Restaurant bleibt natürlich erfolglos, und die Pizzeria, die in Frage käme, hat selbstverständlich geschlossen. So steuere ich eine Konditorei an, in der ich kurz vor Ladenschluß rasch zwei große Stücke Obstkuchen verschlinge. In einer Tankstelle kaufe ich noch die üblichen Dosen Eistee und ein paar dieser - in der TV-Werbung hochgelobten - Carraza-(oder so ähnlich) Hosentaschenpizzen. Ausgewogenste, vitaminreiche und fangfrische Nahrung also !

Nachdem ich meine Freundin angerufen habe, suche ich endlich die Dusche auf. Nach dem Umziehen verschwinde ich schnell aus der Halle, um die Duschaktion nicht sofort wieder zunichte zu machen. Ich cruise noch ein wenig in den Abend hinein und treffe tatsächlich auf zwei versprengte Teilnehmer, die zwar zu den Campern gehören, aber trotzdem ihr Gepäck suchen. Ortskundig, wie ich´s inzwischen bin, geleite ich sie zur Halle, wo sie dann jemanden fragen können - also praktisch jeden -, der besser Bescheid weiß als ich.

Nach 116 Kilometern beschließe ich diesen Tag; insgesamt habe ich bereits 562km zurückgelegt. In Anbetracht der Tatsache, daß die gesamte Tour 685km lang sein soll, wir aber noch vier Etappen vor uns haben, liege ich ganz gut im Rennen, das ja gar keines ist.

Gruise, Paule
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Marcus

14

Samstag, 31. März 2012, 22:25

Das Frühstück vor der sechsten Etappe nehmen wir im Kurhaus der Stadt zu uns; dort können wir sogar draußen im Kurgarten sitzen. Für die wenigen Raucher wie mich unter anderem deswegen von Vorteil, weil ich zwischen den Broten und Brötchen die eine oder andere Zigarette rauchen kann. Auf diese Art kann ich mehr essen, als rauchte ich nicht. Das Rauchen zögert bei mir nämlich den Sättigungseffekt etwas hinaus.

Ein paar Worte übrigens mal zum Frühstück, bei dem wirklich (fast) keine Wünsche offen bleiben: Auf mehreren Tischen kann sich jeder seine Mahlzeit individuell aus verschiedenen Brot- und Brötchensorten, Käse, Wurst, Schinken, Müsli, Joghurt, Fruchtsalat, Eiern, Tee, Kaffee und Fruchtsaft zusammenstellen. Als Start vor dem Frühstück fehlt mir lediglich mein geliebter Cappuccino, aber daran habe ich mich schnell gewöhnt.

Nach dem Frühstück höre ich aus den Boxen, aus denen gestern abend noch Schlagermucke quoll, doch tatsächlich ,,Paint It Black‘‘ von den Stones und den Boston-Klassiker ,,More Than A Feeling‘‘ - ein schöner Auftakt zum langen Ritt nach Wolfach. Nach ungefähr der Hälfte der ca. 90 Kilometer langen Etappe beginnt eine Steigung, die ich anfangs noch nach meinem üblichen Schema glatt zu bügeln versuche.

Doch die Sache wird zunehmend steiler und scheint kein Ende nehmen zu wollen. Wie die meisten anderen muß ich bald absteigen und schieben, außerdem ist es wieder drückend heiß. Nach unendlich langer Zeit wird die Strecke etwas flacher, so daß ich beschließe, wieder aufzusteigen. Der Asphalt geht dann in eine grobe Schotterpiste über, auf der ich ein wenig meine Trialkünste unter Beweis stellen kann.

Viele Fahrer sind da überfordert, es liegen aber auch richtige Gesteinsbrocken auf dem Weg, daß mir die armen Felgen der Rennräder echt leid tun. Auf dem ,,Gipfel‘‘ namens Biereck befindet sich sinnigerweise ein Gartenlokal, das heute einen Umsatz macht, den es sonst im ganzen Monat nicht sieht. Ich zische mir eine Flasche Malzbier ´rein und sehe zu, daß ich weiterkomme...

Gruise, Paule
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Marcus

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15

Samstag, 31. März 2012, 22:33

und ein paar dieser - in der TV-Werbung hochgelobten - Carraza-(oder so ähnlich) Hosentaschenpizzen. Ausgewogenste, vitaminreiche und fangfrische Nahrung also !


Ja, in der Hosentasche beim Radeln aufbewahrt, werden die Dinger doch sicher eine Alternative zu den Geltuben darstellen können. :S :D

Aber bitte weiter im Text, lieber Paule.
Gruß, rogger
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meusux

16

Samstag, 31. März 2012, 22:47

Auf der anschließenden, erstklassig geteerten Abfahrt kann ich´s richtig laufen lassen, denn das Teilnehmerfeld ist weit auseinandergezogen. Fünf Kilometer ständig mit 45 bis 60km/h - mal wieder ein Hochgenuß ! Die folgende ,,Tränke‘‘ nehme ich mehr oder weniger "en passant", da ich möglichst mit einer der ersten Gruppen gen Etappenziel rollen will. Relativ schnell ist Wolfach dann auch erreicht - die Sporthalle für mich allerdings noch nicht.

In der irrigen Annahme, daß die meisten Biker selbstverständlich genau deshalb links abbiegen, um zum Festplatz zu gelangen, fahre ich noch ein Stück weiter. Und gelange zum Festplatz. Toll. Also die ganze Strecke wieder zurück, wo ich endlich die Post-LKW vor unserer Halle stehen sehe. Ich erhasche aber doch noch eine Matratze in zweiter Reihe. Es folgt der übliche Orts-Check, sprich: Nachdem ich den überfüllten Festplatz aufgesucht und rasch wieder verlassen habe, mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Restaurant.

Und verfranse mich - wie gewohnt - erstklassig. Auf wundersame Weise finde ich nach einiger Zeit aber wieder zurück und entdecke ein portugiesisches Restaurant, an dem ich aber zuvor schon dreimal vorbei gekommen sein muß. Hungrig und genüßlich zugleich ziehe ich mir einen Reistopf mit Meeresfrüchten ´rein und suche danach wieder die Halle auf, wo ich nach einigem ´Rumlungern endlich dusche.

Wie an jedem Abend erkunde ich noch etwas die Gegend und stelle fest, daß die Chemie-Firma Sachtleben tatsächlich auch im idyllischen Wolfach eine Filiale unterhält. In die Industrie-Landschaft Duisburgs mag das ja hineinpassen, aber in diese Gegend, eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln - ich weiß nicht. 108km waren´s für heute, insgesamt also 670.

Gruise, Paule
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Marcus

17

Samstag, 31. März 2012, 22:53

Nach dem - wie üblich - sehr guten und üppigen Frühstück begeben wir uns in die Wolfacher Altstadt, wo nach dem üblichen Aerobic und Blabla Etappe Nr. 7 startet. Es wird wieder ein brütend heißer Tag werden, weshalb es gar nicht mal so schlecht ist, daß die erste heftige Steigung schon nach rund 15 Kilometern auf uns wartet. Eine längere Schiebephase bleibt mir nicht erspart, aber damit stehe ich nicht allein. Auf den nächsten gut 70 Kilometern kann ich´s dafür allerdings locker laufen und die schöne Landschaft auf mich wirken lassen.

Die Steigungen, die zwischendurch immer mal wieder auftauchen, nehme ich als solche eigentlich gar nicht mehr wahr. Sie sind mittlerweile schon so normal geworden, daß ich sie beinahe liebgewonnen habe. Ohne sie würde mir hier echt was fehlen. Es sind nette kleine Herausforderungen, die die Strecke abwechslungsreicher gestalten. Und außerdem wird man ja anschließend immer mit mehr oder weniger langen und steilen Abfahrten belohnt. Doch eines habe ich inzwischen festgestellt: Obwohl das Fahren in der Gruppe durchaus Motivationsvorteile bietet, fahre ich überwiegend allein.

Ich quatsche während der Fahrt niemanden an, mir ist einfach nicht danach, beim Fahren Unterhaltungen zu führen. Wenn mich jemand anspricht - und das kommt schon allein wegen meines ungewöhnlichen Bikes häufiger vor -, ist das schon okay. Ich erteile gerne detaillierte Auskünfte. Aber es macht sich halt bemerkbar, wenn man von 54000 Kilometern in den letzten sechs Jahren 53000 allein gefahren ist. Und so kommt es, daß ich mich bereits während einer jeden Etappe auf den Abend des Tages freue, wenn ich ungestört für mich allein in der Gegend ´rumcruisen kann.

Gruise, Paule
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Marcus

18

Samstag, 31. März 2012, 23:00

Wir erreichen Rottenburg, und diesmal folge ich den richtigen Leuten, lande also als einer der ersten Teilnehmer vor unserer Halle. Und finde sogar meine drei Taschen fürchterlich schnell. Vor dem Eingang sammeln sich die Leute und warten auf Einlaß. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder; es ist sogar so heiß, daß die kleinen Rinnsale von Schweiß, die von jedem Körper herabfließen, gar keine Chance haben, auf dem Boden Pfützen zu bilden, weil sie dort sofort verdampfen.

Langsam macht sich Unmut breit: Warum dürfen wir denn nicht ´rein ?! Einen schattigen Platz aufzusuchen fällt aus dem Grunde flach, weil man damit ja seinen guten Platz in der Warteschlange aufgäbe. So stehen wir da ´rum wie bestellt und nicht abgeholt. Nach einer geschlagenen Stunde öffnen sich endlich die Pforten, es folgt die gewohnte Prozedur. Ich ergattere zum ersten Mal eine Matratze direkt an der Wand, ziehe das Spannbett-Tuch drüber, pfeffere die Taschen drauf und bin schon wieder weg.

Ich rolle in die City und suche einen Friseur auf, um mir mal einen außergewöhnlichen Luxus zu gönnen: eine fachmännische Rasur. Mein Budget läßt das zu. Nur findet sich leider kein Friseur, der eine solche Praktik beherrscht oder gewillt ist, sie zu vollführen. Ich ziehe mir in einer Eisdiele eine große Portion Eis ´rein und fahre zurück zur Halle. Rasch ist der Rasierapparat ausgepackt und die Rasur vor der Halle im Schatten eines Baumes bewerkstelligt. Ich nenne diese Art des Rasierens Free-Style-Open-Air-Rasur.

Ohne Spiegel ist das natürlich so eine Sache,obwohl ich die noch fälligen Bartstoppeln ja mit den Fingern ertasten kann. Verwunderte und belustigte Blicke streifen mein Tun, aber so genau kann ich das auch wieder nicht erkennen, da ich meine Brille beim Rasieren nicht trage. Und überhaupt: Leute wie ich sind solche Blicke halt gewohnt. Danach cruise ich wieder ein wenig in der City umher, durch zum Teil malerische Gassen. Die Zeit ist reif, zwecks einer Dusche wieder zur Halle zu fahren.

Danach schließe ich mich drei Bikern an und wir fahren gemeinsam zu einem China-Restaurant, um dort standesgemäß zu dinieren. Leider muß ich schon relativ früh zurückfahren, da ich es mal wieder vergessen habe, meine Brille mit den ungetönten Gläsern mitzunehmen. Ich lege mich direkt hin und lese noch etwas in meiner Oldtimer Markt, bis irgendwer die Hallenbeleuchtung ausschaltet. 113km waren es heute, summa summarum 783. Somit bin ich bereits jetzt fast hundert Kilometer mehr gefahren, als die Gesamtstrecke eigentlich lang ist.

Gruise, Paule
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Marcus

19

Samstag, 31. März 2012, 23:05

Vor der achten Etappe von Rottenburg nach Calw frühstücken wir wie immer. Nur ist es heute zum ersten Mal morgens bewölkt; ich überlege noch, ob ich meinen Sattel mit einer Plastiktüte abdecken soll, tue es dann aber doch nicht. Beim Verlassen des Frühstückssaals bekomme ich die Rechnung präsentiert - es hat geregnet. Ich eile zu meinem Bike und sehe schon den durchtränkten Ledersattel vor meinem geistigen Auge. Aber was ist das ?!?

Der Baum, unter dem mein Zosse parkt, hat wirklich keinen einzigen Tropfen durchgelassen ! Der Tag ist gerettet. Was dieser Tag - oder besser: diese Etappe - genau mit sich gebracht hat, kann ich leider nicht mehr nachvollziehen. Dazu hätte ich am Ende eines jeden Tages genauere Aufzeichnungen machen müssen, und dazu hatte ich einfach keinen Bock.

Außerdem wäre das auch nicht immer möglich gewesen, denn je nach dem, wann der professionelle Lichtausschalter abends die Hallenbeleuchtung erlöschen ließ, hätte ich bestenfalls noch bei der offenen Flamme meines Zippo-Feuerzeuges meine fragmentarischen Memoiren schreiben können. Und ich glaube nicht, daß ein kleines Feuerchen bei den übrigen Bikern/Bikerinnen auf viel Gegenliebe gestoßen wäre. An eines erinnere ich mich aber genau:

Es war eine sehr schwüle Etappe, bei der die Wolkendecke die Sonne nie so richtig durchkommen ließ. Kurz vor Calw beginnt es dann auch leicht zu tröpfeln. Die Sporthalle ist recht witzig. Um zu unserem Matratzenlager zu gelangen, muß man zuerst eine Treppe hinauf, um einige Meter weiter wieder eine Treppe ´runter zu gehen. Der nächste Witz - jedenfalls für mich - ist die Tatsache, daß die Tiefgarage, in der unsere Bikes die folgende Nacht verbringen sollen, angeblich um 19 Uhr geschlossen wird...

Gruise, Paule
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Marcus

20

Samstag, 31. März 2012, 23:11

Das wirft meinen Guten-Abend-Cruisin´-Plan total durcheinander ! Entweder ich muß mir sofort ein Restaurant für´s Abendessen suchen, damit ich danach noch meine Runde drehen kann oder ich drehe sofort meine Runde und muß zum Restaurant laufen. Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit, denn das erscheint mir sicherer. ,,Sicherer?‘‘, wird sich der geneigte Leser hier wohl fragen.

Ganz klar: sicherer in bezug auf die Wahrscheinlichkeit, die 100km für den Tag unter Dach und Fach zu bringen. Da die Etappe nur 80km umfaßte, muß ich noch 20 fahren, und die City von Calw erscheint mir - ohne Radwege und von vielen Autos bevölkert - dazu nicht sonderlich geeignet. So fahre ich genau da zur Stadt ´raus, wo wir kurz zuvor ´reingekommen sind.

Es regnet leicht, aber der Weg ist sehr gut zu fahren. Und weil ich mich immer schön auf dem Radweg bewege, der an einer Landstraße entlang führt, schaffe ich es heute zum ersten Mal, nach Calw zurück zu kommen, ohne mich zu verfahren ! Nach 101km stelle ich das Bike in die Garage, gehe duschen und danach zum Italiener. Spaghetti Gorgonzola stehen auf dem Plan - Kohlenhydrate für die letzte Etappe. Und wie gesagt: Ich laufe !!!

Unter freiem Himmel tue ich so etwas normalerweise nie, jedenfalls nicht bei Strecken von über hundert Metern. Am meisten laufe ich eigentlich in dem Fahrradgeschäft, in dem ich arbeite, aber selbst da fahre ich manchmal etwas Indoor-Trial. Mit den Bikes, die ich zum Verkauf montiere. Ich laufe also vom Italiener zur Halle und komme mir dabei merkwürdig beobachtet vor. Es ist, als sähe mir jeder an, daß man mir mein Bike amputiert hat. Fürchterlich.

Gruise, Paule
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