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Samstag, 24. Dezember 2011, 06:27

Auch so was wie 'ne Radreise (kein Tourenbericht)

Hallo, liebe RADikalen,

um in diesem Unterforum mal 'nen Anfang zu machen, dachte ich, einen Bericht hier reinzustellen, der zwar keine Tour beinhaltet (und den einige von Euch bereits aus Caddys Lanz-Forum kennen werden), aber dennoch eine Reise durch ein Jahrzehnt Fahrrad-Vergangenheit widerspiegelt. Vielleicht regt er ja auch dazu an, dass Ihr mal etwas aus dem Nähkästchen plaudert, denn ich vermute, dass fast jeder eine Fahrradleiche im Keller hat :D . Jedenfalls wünsche ich Euch viel Kurzweil beim Lesen...

Meine Rad-Karriere begann mit einem Umweg, denn zum Fahrrad bin ich gewissermaßen über's Motorrad gekommen. Ein Großteil meiner Verwandtschaft mütterlicherseits lebte damals in Calbe/Saale (ehemalige DDR), mein Onkel hatte einen IWL-Roller (Berliner Roller), mein Cousin eine MZ ES 150. Und dann stand da noch eine 200er Ardie, Bj.1938, auf dem Hof. In diese Maschine hatte ich mich gnadenlos verknallt. Nur leider war sie nicht fahrbereit, und selbst wenn sie es gewesen wäre, hätte ich als Vierjähriger nicht drauf fahren können.

Zu Weihnachten 1968 bekam ich mein erstes Fahrrad geschenkt, ein 18-Zöller-SSP von der Metro. Genau zu meinem fünften Geburtstag brachte meine Oma mir das Fahren ohne Stützräder bei. Da eröffnete sich mir eine neue Welt! Gleich einem Adler, flog ich nur so über die Gehwege unserer Siedlung, und - da ich von Fahrphysik und z. B. der Auswirkung von Sand auf Gehwegplatten keinen blassen Schimmer hatte - auch oft genug auf die Schnauze. Als ich es raus hatte, wie man "richtig" stürzt, sich also gezielt lang macht, erhob ich die Sache zu einer Kunst und war mehrere Wochen als Stuntman unterwegs.

Ich liebte mein Rädchen so sehr, dass ich ihm den Nimbus der Unzerstörbarkeit andichtete. Bis zu einem gewissen Grade erwiderte mein treuer Begleiter diese Liebe auch, doch irgendwann gerieten wir beide an einen Punkt, an dem das Rad mir aufzeigte, wie weit der Begriff "Verschleißteil" gefächert sein kann. Dass der hintere Reifen dazu zählte, dämmerte mir schon, als - infolge permanenter Vollbrems-Orgien - das Profil zusehends verschwand, dann gar
nicht mehr da war, plötzlich an immer mehr Stellen so komische helle Fäden durchschimmerten und eines Tages eine graue Blase dazwischen auftauchte, die schnell größer wurde und es PENG machte...



Gruise, Paule
»LB Boogie Man« hat folgendes Bild angehängt:
  • first ssp.JPG
2017: 3.917km; S:131.053; LB:20.690; DMC:18.964; PH:1.368; AB:6.372; ges.:178.447

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »LB Boogie Man« (24. Dezember 2011, 18:39)


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Mickys Herrchen, rogger

2

Samstag, 24. Dezember 2011, 06:40

Teil 2:

Ich hatte die mahnenden Worte der Nachbarn, die mich bei meinen Bremsattacken ja prima hatten beobachten können, immer für Ammenmärchen gehalten, aber nun war es soweit . Wohl oder übel kaufte mein Vater einen neuen Reifen und einen neuen Schlauch. Als nächstes Verschleißteil entpuppte sich der Gepäckträger, obwohl ich zwar nie Gepäck mitnahm, dafür aber schon mal Kumpels transportierte. Zu reparieren gab's da auch nix, weshalb ihn mein Vater kurzerhand demontierte. Wie es dazu kam, dass nacheinander auch beide Schutzbleche ihren Geist aufgaben, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen, aber die wurden ebenfalls abgeschraubt. Mir gefiel das sogar, weil mein Bike jetzt richtig cool aussah.

Zudem hatte dieser Strip den unschätzbaren Vorteil, dass nun praktisch nichts mehr kaputt gehen konnte. Dachte ich. Wie ein Alki, der sich nach "erfolgreichem" Entzug sagt:"Och, ein Bierchen wirste ja wohl mal trinken können...", wagte ich zaghaft erste neue Vollbremsungen, doch schnell hatte ich mein altes Level wieder erreicht. War wieder voll drauf, konnte nicht anders. Das alte Spiel begann von vorne. Trotzdem ging ich diesmal besonnener an die Sache ran. Ich übte mich im kontrollierten Bremsen und behielt den HR-Reifen genau im Auge, um Vati frühzeitig wegen eines neuen Reifens anbetteln zu können, damit der sich wenigstens den Kauf eines neuen Schlauches sparen konnte.

Trotz dieser Sicherheitsvorkehrung hatte es sich eines Tages ausgebremst. Die Rücktrittbremse war keine Rücktrittbremse mehr, sondern nur noch ein Rücktritt ! Schulmeisterlich hatte mich mein Rad gelehrt, dass es tatsächlich mehr Verschleißteile gibt, als ich zu glauben wagte. Mein Vater hatte
"den Kaff auf" und stellte das Rad in den Keller. Zum Glück verfügte ich zu der Zeit über Ausweichfahrzeuge, und zwar waren dies ein kleiner
Kunststoff-Trecker (ein kleiner Lanz also) und ein 50er-Jahre-Opel-Kettcar. Während der Lanz den Stunts nicht lange gewachsen war und bald das Zeitliche segnete, erwies sich mein Opel mit seinem ursoliden Stahlrohrrahmen und den Vollgummi-bereiften Scheibenrädern als weitaus resistenter. Mit dem konnte ich unbesorgt volles Programm vor die Hauswand knallen und Unfall spielen.

Natürlich wollte ich trotzdem mein Rad zurück, und ein - für mich jedenfalls - glücklicher Umstand wollte es, dass das Kunststoff-Tretlager des 16"-Rädchens meiner jüngeren Schwester den Geist aufgegeben hatte. Mein Vater, ein Improvisationskünstler vor dem Herrn, implantierte also das
16"-HR in mein Rad, und ich konnte wieder fahren :D! Jetzt hatte ich eine echte Enduro, zumindest was die unterschiedlichen Radgrößen betrifft. Allzu lange sollte meine wiedergewonnene Mobilität jedoch nicht währen, denn es traten innerhalb kurzer Zeit zwei unvorhersehbare Ereignisse ein. Zuerst brach der Sattel ab. Ein Missstand, dem ich ganz pragmatisch damit begegnete, dass ich eben nur noch im Stehen fuhr. "HAHAHAAA, du fährst ja ein Rad für Mädchen!", riefen die älteren Jungs. Eine Anspielung, deren tiefere Bedeutung ich erst viel später begreifen sollte.

Tja, und dann, ich war gerade zu Besuch bei einem Schulkollegen, wurde mir das Rad tatsächlich gestohlen! Es brach so was wie der berühmte Steckrübenwinter für mich an...

Gruise, Paule
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3

Samstag, 24. Dezember 2011, 07:06

Teil 3:

Ich war also wieder Fußgänger. Da ich jedoch als nunmehr Achtjähriger über eine Menge Schulfreunde verfügte und mit denen noch ein anderes Hobby teilte (Rumstreunen und schön viel Mist bauen ), war es, was soziale Kontakte betrifft, eine sogar eher förderliche Zeit, die ich ohne eigenes Rad zubrachte. Und ich konnte mich in aller Ruhe am Markt orientieren. Die Ära der 24"- und 26"-Jugendräder mit Torpedo-Dreigangschaltung neigte sich ihrem Ende zu. Viele der 12-15-jährigen Jungs hatten solche Räder, die fast alle aus einem Wurf zu stammen schienen, denn sie waren überwiegend in goldener Farbe lackiert. Und jeder hatte sie nach eigenem Geschmack mit Rückspiegeln, VDO-Tachos, Laufklingeln und allerlei Firlefanz aufgerüstet.

Es war aber auch eine Zeit, zu der verstärkt Räder in einem völlig neuen Design auf den Straßen auftauchten. Das waren die Poloräder, die heute gerne als Bonanzaräder bezeichnet werden. Das trifft es eigentlich viel eher, aber damals hießen sie - und da bin ich mir nahezu 100%ig sicher - Poloräder. Sie hatten Bananensättel mit kurzer oder hoher Sissybar, eine angedeutete Federgabel und einen zweigeteilten Bonanzalenker. Sie waren DIE SHOW! Mir war vollkommen klar, dass ich auch solch ein Rad haben musste. Taktisch nicht unklug, behielt ich meinen Wunsch aber erst mal für mich, denn ich wollte noch einige Zeit verstreichen lassen und hoffte darauf, dass mein Vater dann möglicherweise das Schicksal meines ersten Rades vergessen haben könnte.

Als das Frühjahr '73 gekommen war, tagte der Familienrat über den Fahrradkauf. Meine Mutter - die erste Radfahrerin der Familie - hatte es geschafft, meinen Vater davon zu überzeugen, sich doch auch endlich ein Rad zuzulegen. Und weil meine Schwester und ich sowieso neue Räder benötigten, sollten in einem Aufwasch direkt drei Stück gekauft werden. Ich ließ meinen ganzen Bengel-Charme spielen und brachte ein Polorad zur Sprache. Noch heute sehe ich das verärgerte Gesicht meiner Mutter und höre das Gelächter meines Vaters. Ob ich sie denn für total bescheuert hielte, ob ich denn schon vergessen hätte, was ich mit dem letzten Rad veranstaltet habe, hieß es. Trotz ihres Alters hatten meine Eltern also noch ein erstaunlich gutes Gedächtnis - da war Hopfen & Malz verloren...

Tja, es gab damals nämlich noch eine andere Gattung von Rädern, die ihre ganz große Zeit hatten und die Jung und Alt und Groß und Klein fahren
konnten. Die passten sogar in einen Autokofferraum. Rrrrrichtig, ich meine die Klappräder !!! Im Sinne von "Vogel, friss oder stirb" hieß es für mich nun: Nimm ein Klapprad oder geh zu Fuß! Wenn man in den Lauf der großkalibrigen elterlichen Autorität blickt, bleibt einem keine Wahl. Ich "entschied"
mich für ein dunkelrotes Klapprad. Laut Rahmenaufkleber hörte es auf den Namen "Exklusiv", "Rekord", "Luxus" oder irgend so 'nen Phantasie-Scheiß ...

Gruise, Paule
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Samstag, 24. Dezember 2011, 07:17

Teil 4:

Ich kann mich noch vage an den Nachmittag erinnern, an dem QUELLE - meine Mutter war Stammkundin dort - die drei Räder lieferte. Alle befanden sich in einem Zustand freudiger Erregung. Das heißt, fast alle, denn mit meiner Freude verhielt es sich eher so wie bei der eines Mannes, der zum hundertundachtundzwanzigtausendsten Male ein Paar Socken von seiner im Ehesumpf vor sich hin dümpelnden Frau zu Weihnachten geschenkt bekommt. Es kostete mich einiges an emotionaler Energie, wenigstens einen Hauch von Dankbarkeit aufflackern zu lassen. Mit fast neun Jahren war ich alles andere als versiert, was das Erkennen oder auch nur Einschätzen der Qualität von Fahrradkomponenten angeht, doch nach intensiver wie auch hoffnungsloser Inspektion erkannte ich eines sofort: Alles, wirklich alles an diesem Ding war billig.

Billig, bieder, banal und blamabel. Die Hinterradnabe war eine "Jet". Der Name sollte wohl infernalische Geschwindigkeit suggerieren, aber - wie ich
heute weiß - diese Nabe spielte in der Fichtel & Sachs-Hierarchie so ziemlich die allerletzte Geige. Die Lichtanlage war von "DANSI" (welch ein Name schon ), der Plastikmüll-Scheinwerfer sah einfach nur übel aus, und der Dynamo trug das Stigma "Made in GDR". Gut möglich, dass das gesamte Rad aus der DDR stammte - abgesehen von der Jet-Nabe. Vorne sollte eine dieser unsäglichen Stempelbremsen für Verzögerung sorgen, und zwar eine mit Bowdenzug. Also kein Fortschritt gegenüber meinem Kinderrad. Aus heutiger Sicht fühlte ich mich so wie die Mutter, die sich irgendwie mit ihrem ungeliebten Kind arrangieren muss. Mit dem Kind, das alle Charakterzüge des Ex-Partners trägt, welcher durch und durch ein mieses Schwein gewesen ist.

Nun galt es, sich in einem autodidaktischen Crash-Kurs ein unerschütterliches Selbstbewusstsein anzueignen, denn ich musste mit dem Rad schließlich auch fahren. In der Öffentlichkeit und im Kreise meiner Freunde. Das sah dann überwiegend so aus, dass ich jedem erzählte, wie scheiße ich mein Rad doch fand. Damit hatte ich allen Spöttern den Wind aus den Segeln genommen, und niemand brauchte mir mehr zu sagen, wie scheiße er mein Rad doch fand. Ganz objektiv musste ich eines jedoch feststellen: Das Rad fuhr sich ganz klar besser als mein letztes :lol:...

Gruise, Paule
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5

Samstag, 24. Dezember 2011, 07:28

Teil 5:

Es begann die Zeit der gemeinsamen Familienausflüge. Waren das vor nicht allzu langer Zeit noch langweilige Sonntagsspaziergänge mit einem äußerst beschränkten Aktionradius gewesen, so erweiterte sich mein Horizont jetzt ganz gewaltig. Nur erwiesen sich dabei einige Faktoren als etwas störend. Meiner Mutter passte das Tempo, das Vater vorgab, nicht. Meinem Vater passte die Nonchalance nicht in den Kram, die meine Schwester beim Fahren an den Tag legte - und die mehr als einmal zu kleinen innerfamiliären Crashs führte. Und Mutter und Schwester gefiel es nicht, wenn Vater sich verfuhr, dabei aber vortäuschte, absolut im Bilde zu sein.

Mir war das alles egal, denn ich wollte nur fahren und mich im Wald in Abenteuer hinein träumen. Mich störte es auch nicht, wenn Vater sich irgendwo verfranste, denn ich war mir ganz sicher, dass wir irgendwie und -wann schon wieder nach Hause zurück fänden. Kurzum: Die sich aus diesen Unstimmigkeiten ergebenden Streitsituationen führten dazu, dass schon sehr bald nur noch mein Vater und ich unsere Wochenendtouren fuhren. Daraus ergab sich für mich der unschätzbare Vorteil, meinen Vater ganz subtil auf Umbau-/Nachrüstwünsche aufmerksam machen zu können, denn der war, was finanzielle Dinge betraf, viel großzügiger als meine Mutter ("Papa, was hältst du von 'nem Tacho für mein Rad?! Dann wüssten wir beide, wie lang unsere Touren sind. Wär' doch toll oder...?!").

So hatte ich immerhin schon mal 'nen Huret-Tacho - die Skala der VDOs sagte mir nicht so zu - am Rad, die Geschwindigkeitsanzeige reichte bis 60km/h. Ich weiß noch genau, dass ich am ersten Tag 42km fuhr, nur in unserer vielleicht 350 Meter langen Straße. Die regelmäßigen Touren zum Düsseldorfer Flughafen á 35km trugen ihr Übriges dazu bei, dass schon bald der erste 1.000er auf dem Zähler stand. Da mir allerdings besonders der Sattel ein Dorn im Auge gewesen war, hatte ich Vater zwischenzeitlich weiter bearbeitet und ihm einen Bananensattel aus dem Kreuz geleiert :) . Einen mit kurzer Sissybar, denn die lange Version hätte nicht mit dem originalen Lenker harmoniert.

Gruise, Paule
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6

Samstag, 24. Dezember 2011, 07:40

Teil 6:

Der mit schwarzem, feinnarbigem Kunstleder bezogene Bananensattel machte sich echt gut auf dem Rad - jedenfalls so gut, wie sich solch ein Sattel auf einem Klapprad machen kann. Er war so niedrig wie möglich montiert, was dem Rad eine schöne gestreckte Linie verlieh. Um die optimale Sitzposition zu erreichen, konnte ich ja in der Horizontalen variieren. Obwohl für's Erste halbwegs zufrieden, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie ich die Optik in Richtung Polorad "perfektionieren" konnte. Um diesen zweiteiligen Lenker zu montieren, hätte es natürlich einer dementsprechenden Gabel bedurft, und mir war klar, dass ich meinem Vater mit diesem Vorschlag gar nicht erst zu kommen brauchte, weil eine solche Aktion den finanziellen Rahmen
gesprengt hätte.

Doch dann entdeckte ich während eines meiner zahllosen Streifzüge durch die örtlichen Fahrradgeschäfte einen einteiligen Hochlenker! Es war praktisch die geschrumpfte Version des klassischen Apehangers, dem typischen Motorrad-Chopperlenker. Nachdem ich also den Tacho und den Bananensattel erquengelt hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis mir mein Vater diesen Lenker kaufte :D. Rasch war das Teil durch den Vorbau geschlängelt; die einzige Schraube, die gleichzeitig den Konus im Gabelschaft hielt und den Lenker festklemmte, wurde mit dem einzigen Fahrradwerkzeug, das unser Haushalt besaß, angezogen. Mit einem dieser "Universal-Schraubenschlüssel", im Volksmund Knochen genannt. Heute würde man wahrscheinlich Multi-Tool
dazu sagen. Multi-Tool für den Multi-Fool :lol: ...

Weil der Bowdenzug der Bremse logischerweise viel zu kurz war, um den Bremsgriff dort zu befestigen, wo er eigentlich hin gehört, wurde er einfach am senkrechten Rohrteil montiert. Bald darauf schraubte ich die Bremse ab und warf sie in den Müll, da ich das Teil ohnehin nie benutzte. Außerdem ergab sich dadurch eine schöne cleane Optik . Es dauerte einige Wochen, bis ich die für mich günstigste Lenkerneigung rausgefunden hatte. Und irgendwann begann der Lenker, seine eigene Neigung zu suchen, indem er sich permanent löste. Ich erhielt meine erste Lektion in Sachen Hebelwirkung. Da die Qualität der Lenkerklemm- und Konusschraube ebenso zu wünschen übrig ließ wie der nicht ganz passgenaue Knochen, war ich mittlerweile dazu übergegangen, eine Wasserpumpenzange zum Festziehen zu benutzen.

Wenn man dann noch mit dieser Zange häufiger vom Schrauben-Sechskant abrutscht, bedarf es keiner allzu ausgeprägten Phantasie, um sich vorstellen zu können, wie dieser "Sechskant" inzwischen aussah. Aber egal, während des Beschleunigens griff ich den Lenker eben unten in der Mitte und hatte meine Ruhe. Leider hatte der Tacho-Antrieb nach nicht einmal 2.000km sein Leben ausgehaucht, ich demontierte ihn kurzerhand. Nun war es so, dass ich nach wie vor Vergleiche zu den Originalen, den Polorädern, zog. Die hatten schöne kurze Schutzbleche, nicht solche hässlichen, wie ich sie an meinem Rad sah. Dem musste abgeholfen werden! Weil ich meinen Vater nicht schooon wieder anquatschen konnte - denn dann hätte er mir von vornherein direkt ein Polorad kaufen können -, stellte ich Überlegungen an, wie ich den vorhandenen Blechen eine akzeptable Optik verleihen konnte...

Gruise, Paule
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7

Samstag, 24. Dezember 2011, 07:55

Teil 7:

Ich hatte weder eine Metallsäge noch eine Flex, einen Dremel oder eine Blechschere im Repertoire, aber ich musste wohl das Improvisations-Gen von meinem Vater geerbt haben. So löste ich die Achsmuttern des Vorderrades, zog die Schutzblechstreben ab und knickte das Blech an der gewünschten Stelle nach oben weg. Bog es wieder nach unten, nach oben, nach unten usw. Es ließ sich von Mal zu Mal leichter biegen, riss ein, die Risse wurden größer, und irgendwann brach es einfach ab :D. Dass ich damit einen Praxistest auf dem Gebiete der Materialermüdung vollführt hatte, sollte ich erst einige Jahre später während der Schlosser-Ausbildung erfahren.

Nun gut, die Bruchkante sah nicht besonders formvollendet aus, andererseits unterstrich dieser schartige Abschluss aber das brutale Chopper-Design. Beim hinteren Blech verfuhr ich dann genauso. Mann, sah das abgefahren aus ! Obwohl die Lenkerklemmschraube, wie bereits erwähnt, dem Hebel des
Lenkers nicht unbedingt gewachsen war, verleitete der hohe Lenker dazu, mich ab und an in Wheelies zu üben, also ein paar Meter nur auf dem
Hinterrad zu fahren. Das war z. B. dann sehr hilfreich, wenn ich mal wieder in voller Fahrt vom Gehweg auf die Straße wechselte und zu dem Zweck das Vorderrad lupfte, um gekonnt zuerst auf dem Hinterrad zu landen.

Logisch, dass bei diesen Aktionen schon mal der Lenker nach hinten wanderte. Nach der Landung einmal energisch nach vorne gedrückt, war die Sache aber wieder im Lot ;). Als genau eine solche Korrektur nach einer besonders harten 30km/h-Landung mal wieder auf dem Programm stand, wunderte ich mich darüber, dass der Lenker selbst sich eigentlich gar nicht bewegte. Irgendwie schien es, als bewegte sich das halbe Rad vor und zurück. Nach
intensiver Fehlersuche am Straßenrand traute ich meinen Augen nicht - neben der Schweißnaht vor dem Klappmechanismus klaffte ein fetter Riss
!!! Mit Improvisation war dem nicht mehr beizukommen.

Da es sich offensichtlich um einen Totalschaden handelte, zog ich es zuerst in Erwägung, den Kauf eines Polorades vorzuschlagen, weil deren Rahmen nun doch viel stabiler sind. Aber dann dachte ich mir, dass der Zustand meines Choppers ja nicht gerade die beste Referenz für eine solche Idee darstellte. Nachdem mein Vater kopfschüttelnd und mit gehobenen Augenbrauen den Schaden betrachtet hatte, meinte er, dass er das schweißen könnte. Er sagte mir allerdings auch, dass die Schweißnaht selbst auf jeden Fall hielte, das Material drumherum aber nicht unbedingt, sollte ich weiterhin so mit dem Rad umspringen ...

Gruise, Paule
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8

Samstag, 24. Dezember 2011, 08:19

Teil 8:

Gut, das Rad war also wieder beisammen. Nur die Lenkerklemmschraube entwickelte sich mehr und mehr zum Sorgenkind. Ich versuche es mal zu beschreiben: Der ursprüngliche 13er Sechskant war ja längst verschwunden. Wäre das Teil jetzt nur rund gedreht gewesen, hätte ich ja immerhin noch eine runde Angriffsfläche gehabt. Da ich jedoch mit der Wasserpumpenzange oft genug nach oben abgerutscht war, hatte der Schraubenkopf die Form eines Kegelstumpfes angenommen, der sich langsam zu einem Kegel entwickelte oder besser, zu einer Vieleck-Pyramide. Das Ding war also mit keinem Werkzeug mehr richtig zu packen . Zudem hatte sich - durch die andauernde Bewegung im Vorbau - die Riffelung des Lenkermittelstücks verabschiedet.

Und da ich mir weitere Investitionen seitens meines Vaters von der Backe putzen konnte, half hier nur Plan B. Zugegebenermaßen ein sehr radikaler
Plan. Ich drehte den Lenker ganz einfach nach unten. Jaja, richtig gelesen, der hohe obere Teil war nun unten :lol:. Die Sitzposition war etwas gewöhnungsbedürftig, jede Sattel-/Lenkerüberhöhung, wie man sie von Rennrädern kennt, war Kinderkram dagegen. Die Lenkerenden befanden sich ungefähr auf halbem Wege zwischen Felge und Achse. Und sie waren jetzt nach vorne gekröpft, weil ich den Lenker ja nur nach unten geklappt, ihn aber nicht im Gabelschaft um 180° gedreht gehabt hatte. Für die Handgelenke auch eine ziemliche Herausforderung. Obwohl ich mit meinen nunmehr knapp elf Jahren noch ein biegsames Rückgrat besaß, bekam ich auf längeren Strecken (>2km) Genickstarre. Dann bevorzugte ich den Mittellenker.

Auf holprigen Wegen übrigens auch, weil mein Kinn oder Gesicht - je nach Sitzposition auf dem Bananensattel - bei der Unterlenkerhaltung permanent über dem scharfkantigen Schraubenkopfwrack schwebte. Sooo risikofreudig und schmerzbefreit war ich dann auch wieder nicht. Das nächste "Problem" war eher Image-technischer Natur, denn nun erfüllte mein Bike schließlich nicht mehr die Anforderungen, die man an einen echten Chopper stellt. Wie ein Rennrad sah es natürlich ebenfalls nicht aus. Da meine große Liebe aber immer noch den Motorrädern galt, trieb ich mich häufiger in der Stadtbücherei rum und hatte dort - das Glück ist mit den Tüchtigen! - eine Motorrad-Enzyklopädie entdeckt, in welcher eine Unzahl alter Motorräder zu bestaunen war.

Eine Rennmaschine aus den 1920er Jahren der längst untergegangenen Schweizer Marke "Zehnder" glich meinem Rad wie ein Ei dem anderen - also, sie hatte mit viel Phantasie eine gewisse Ähnlichkeit damit. Nun fuhr ich eine alte Zehnder ...

Gruise, Paule
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9

Samstag, 24. Dezember 2011, 09:32

Teil 9:

Nur brachte es natürlich nicht so viel Freude, mit einer waschechten Rennmaschine alleine sinnlos durch die Gegend zu fahren. Aus diesem Grunde hatte ich mir zum elften Geburtstag eine mechanische Stoppuhr schenken lassen, solch eine, wie sie auch die Sportlehrer z. B. beim 100-Meter-Lauf auf Sportfesten benutzen. Ich überzeugte die Freunde aus unserer Siedlung davon, einen Zeitfahr-Wettbewerb ins Leben zu rufen. Der ungefähr wie ein Stiefel geformte Parkplatz-Rundkurs in der Straße schien bestens dafür geeignet zu sein. Den Start-, Ziel- und Boxenbereich bildete eine vielleicht zwanzig Quadratmeter große, mit Gehwegplatten versehene Fläche, auf der sich zwei Teppichklopfstangen befanden (damals schleppten die Hausfrauen, die keinen Staubsauger besaßen, ihre Teppiche noch zum Klopfen dorthin).

Auf dem ca. 350 Meter langen Kurs waren meine Zehnder und ich in ihrem Element. Obwohl die Poloräder meiner Kumpels eine Drei- oder gar Fünfgangschaltung besaßen, verbuchte ich die meisten Siege, da meine Maschine viel leichter war und ich so aerodynamisch darauf lag, dass es
aerodynamischer eigentlich gar nicht mehr ging. Trotzdem stellten diese Rennen den Abgesang einer glanzvollen Epoche dar, denn die Jet-Nabe
begann, Zicken zu machen. Es war zwar nicht so schlimm wie damals beim Kinderrad, aber dennoch musste ich zeitweise mehrere Umdrehungen
rückwärts treten, bevor die Bremse packte. Und bei nur einer vorhandenen Bremse war das schon ziemlich doof.

Mein Vater sah ein, dass der Kauf eines neuen Hinterrades den Zeitwert des Rades bei weitem überstiegen hätte - und kaufte auch keines :lol:. Nach und nach bekamen meine Freunde neue Fahrräder, weil sie aus den Polorädern rausgewachsen waren. Es handelte sich größtenteils um die damals gerade schwer angesagten Halbrenner - also Möchtegern-Rennräder mit Rennlenker, aber Gepäckträger, Schutzblechen und Beleuchtung. In silbernen, metallic-blauen oder -roten Farbtönen gehalten, machten die echt was her. Und sie hatten eine Zehngang-Kettenschaltung. Unter Aufbietung all meiner Überredungskünste ("Natürlich werde ich das pflegen! Bei den ersten beiden Rädern war ich ja auch noch klein und dumm...") gelang es mir, meinen Vater dazu zu bewegen, mit mir in die Stadt zu fahren und ein solches Rad zu kaufen :D...

Gruise, Paule
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Mahatma Josef Gamsbichler

unregistriert

10

Samstag, 24. Dezember 2011, 22:27

Danke Paule!

11

Sonntag, 25. Dezember 2011, 09:08

Teil 10:

Habe ich schon erwähnt, dass es kein Fahrrad-Fachgeschäft war, das wir aufsuchen wollten?! Nein? So war es aber. Denn in den Fachgeschäften der Umgebung kosteten diese Halbrenner alle so um die 300 Mark - eindeutig zu viel für meines Vaters Geschmack (sein eigener Singlespeeder hatte ja nur 159 Mark gekostet). Unser Weg führte uns - rrrichtig! - zum QUELLE-Kaufhaus. Oder vielmehr zu dem, was einmal ein Kaufhaus werden wollte, denn diese
Filiale war gerade umgezogen oder im Begriff, dieses zu tun. Gut möglich also, dass es sich bei dem Gebäude auch nur um eine Zwischenlösung handelte. Wir betraten eine ungemütliche Halle, mein Blick streifte Rasenmäher, Hollywood-Schaukeln und Familienzelte. Die Atmosphäre war so ganz anders als in den Fahrradläden, in welchen ich mich normalerweise rumtrieb.

Irgendein - mir nicht besonders enthusiastisch erscheinender - Verkäufer schob auf Fragen meines Vaters aus irgendeinem Winkel ein Fahrrad heran. Einen Halbrenner der Hausmarke MARS, lackiert in einem kräftigen Grasgrün, die Schutzbleche in glänzendem Schwarz. An dem nur einen Rahmenschalthebel erkannte ich sofort, dass es sich um ein Fünfgang-Modell handelte. Für 199 Mark das Ganze; mit zehn Gängen hätte es 229 Mark gekostet. Tja, wieder mal war ich gegenüber meinen Feunden ins Hintertreffen geraten. Zwar nicht ganz so krass wie mit dem Klapprad, doch dieser Halbrenner gehörte klar der zweiten Kategorie an. Meckern oder auch nur leise Kritik war nicht drin, denn als Wiederholungstäter oder Serienkiller durfte ich froh sein, überhaupt eine dritte Chance erhalten zu haben. So schoben wir das Rad zum Bahnhof und fuhren mit dem Nahverkehrszug nach Hause.

Was mir bei der ersten Testfahrt sofort auffiel, war das leicht taumelnde Ritzelpaket auf der Nabe. Doch da sich das während des Tretens nicht negativ bemerkbar machte, maß ich dem keine größere Bedeutung bei. Und bevor ich es vergesse: Mit dieser Schaltung sollte ich nie richtig warm werden. Da der Hebel keine Rasterung besaß, bedeutete jeder Gangwechsel eine ziemliche Fummelei, bis die Kette sauber auf dem betreffenden Ritzel lief. Und ich vermute heute, dass sie es schon deshalb nie 100%ig tat, weil das Ritzelpaket nicht plan lief. Ich fuhr fast immer im dritten oder vierten Gang. Das Zweite, das negativ in Erscheinung trat, war der Sattel. Es gibt heutzutage kein Fahrrad, das so billig ist, dass ein solcher Sattel Verwendung fände. Das Ding war ein schmales Plastikteil und hatte die Form eines Sattels.

In der Mitte der Sitzfläche waren drei kleine Bohrungen angebracht. Materialersparnis? Gewichtstuning? Komfortzone? Keine Ahnung. Das Teil war unbequem wie nur was. Die "Altenburger Synchron"-Seitenzug-Felgenbremsen waren über jeden Zweifel erhaben - verglichen mit den Bowdenzug-Stempelbremsen der Vorgänger jedenfalls. Gemessen an heutigen Standards waren sie einfach nur indiskutabel. Bei knapp 15.000 Verkehrstoten im Jahre 1975 kam es auf ein paar mehr oder weniger wohl nicht so an. Und noch was: Hatte ich überhaupt einen Halbrenner gewollt?! Gab es so was wie ein
Dream-Bike für mich?! Zweimal ein deutliches Nein. Ich befand mich noch in einer Findungsphase, wusste weder genau, was ich wollte, noch wusste ich, was gut für mich war. Und ich wusste auch nicht, was qualitativ überhaupt gut war. Das wiederum war gut für meinen Vater; der wäre sonst nämlich ein richtig armes Schwein gewesen :lol: ...

Gruise, Paule
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12

Sonntag, 25. Dezember 2011, 09:16

Teil 11:

So arrangierte ich mich mit meinem grünen Marsrädchen, das mich - da war ich sicher - die kommenden drei bis vier Jahre begleiten würde. In ihm sah ich diesmal nicht das ungeliebte Kind, sondern ein ausbaufähiges Basismodell. Zuerst sparte ich mir vom kargen Taschengeld einen angemessenen Sattel zusammen. Im Rennrad-Fachgeschäft Nr.1 erstand ich einen schmalen Sportsattel. Leicht gepolstert und mit schwarzer, abgesteppter Satteldecke; das Rautenmuster erinnerte ein wenig an eine Steppdecke. Da ich schnell realisiert hatte, dass das Rad von einem echten Rennrad ungefähr so weit entfernt war wie ein LKW von einem Formel 1-Rennwagen, musste ich ihm meinen eigenen Stempel aufdrücken.

Es sollte eine Supersportmaschine werden - mit nützlichen Details. Ich kaufte zwei verchromte Rückspiegel, die ihrer Aufgabe leider nicht ganz gerecht wurden, weil das Bild wegen der Vibrationen ständig verzerrt war. Aber sie sahen gut aus. Ich begleitete meinen Vater wieder auf seinen allsonntäglichen Touren und konnte ihm abermals einen Tacho aus dem Portemonnaie ziehen. Es war wieder ein Huret, diesmal mit schwarzem Gehäuse und 90km/h-Skala. Auf der anderen Lenkerseite montierte ich den alten Huret, der - unplugged - die "Funktion" des Drehzahlmessers übernahm. Inzwischen besuchte ich häufiger das Motorradtreffen am Kaiserberg, und auch vor unserer Siedlung hatte der gegenwärtige Motorrad-Boom nicht Halt gemacht.

Ein Typ fuhr eine Honda CB 350 Four, und als der die originalen Griffe (die mit den länglichen Lamellen) gegen andere (bessere aus Moosgummi) tauschte, schenkte er mir die alten. Der rechte Griff hatte natürlich wegen des Gasdrehgriffs einen größeren Innendurchmesser. Ein Montageproblem, dem ich mit mehrfach drumgewickeltem, doppelseitigem Klebeband begegnete. Das hielt zwar nie so richtig, doch was tut man nicht alles für eine stimmige Optik. Vorerst war ich zufrieden, doch die fortwährenden Besuche des Motorradtreffens hatten zu einer Art innerer Zerrissenheit bei mir geführt und eine andere, längst verschüttet geglaubte, alte Liebe erneut aufflackern lassen: Motorrad-Oldtimer!

Meine Supersportmaschine war für einen solchen Umbau völlig ungeeignet, nur wo sollte ich auf die Schnelle ein Rad auftreiben, aus dem sich ein Oldie aufbauen ließ?! Das zuweilen grausame Schicksal spülte mir alsbald ein passendes Objekt in die Hände. Mein geliebter Opa war verstorben, und ich erbte sein neuwertiges 26"-Damenrad. Der Rahmen war dunkelrot lackiert, und die silbernen Alubleche waren in ihrer Profilierung im gleichen Rot-Ton gehalten; das konnte so nicht bleiben. Ich beschloss, mir eine Dose schwarzer Lackfarbe zu kaufen, um damit schon mal dem Rahmen ein klassisches Äußeres zu verpassen. Und da die originalen Bleche erstens wegen ihrer Farbgebung und zweitens wegen des Profils nicht mit dem schwarzen Rahmen harmonierten, demontierte ich die schwarzen Bleche der Supersportmaschine, die wiederum neue polierte Alubleche erhielt, was auch viel besser zu den Chrom-Spiegeln und den verchromten Felgen passte.

Gruise, Paule
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13

Sonntag, 25. Dezember 2011, 09:25

Teil 12:

Der Umstand, dass am neuen HR-Blech für's Mars nur die Bohrungen für die Strebe, das Rücklicht und die untere Stegplatte, an der auch der Ständer befestigt ist, vorgesehen waren, und dass das originale schwarze HR-Blech wegen der anderen Rahmengeometrie des Damenrades nicht ohne weiteres an dieses zu schrauben war, erforderte das Bohren zweier Löcher. Was aus heutiger Sicht banal klingt, bedeutete für mich damals eine mittelschwere Krise, denn in unserem Haushalt existierte keine Bohrmaschine :(. Meinen Vater brauchte ich gar nicht erst um Hilfe zu bitten, denn der war sowieso genervt von meinen ständigen Umbau-Aktionen. Ich grübelte und suchte - und ich fand!

Mit Hilfe eines alten rostigen Nagels zeichnete ich zuerst mal die Position der beiden Bohrungen an. Mit demselben Nagel tat ich dann das, was ich später als "Ankörnen" kennen lernen sollte, und da ich wenigstens schon mal zwei kleine Löcher fabrizieren wollte, "bohrte" ich mit dem Nagel auch direkt vor. Wie das?! Ich schnappte mir den uralten Dreifuß (Schuhmacher-Werkzeug), der im Keller rumflog, legte das jeweilige Blech drauf und schlug mit dem
Hammer so lange auf den in die Körnung gesetzten Nagel ein, bis ein kleines Loch entstanden war. Ich kramte weiter im ausrangierten, alten Wohnzimmerschrank, der im Keller stand und entdeckte den längst verschollen geglaubten Kinder-Werkzeugkasten, der irgendwann mal unter dem Weihnachtsbaum gelegen hatte.

In diesem Kasten befanden sich zwei kleine Handbohrer, die jedoch in erster Linie für die Holzbearbeitung gedacht waren. Der eine Bohrer war sogar eine richtige kleine Handbohrmaschine, deren Bohrer durch das Auf- und Abbewegen eines Griffes auf einer Spindel in eine Drehbewegung versetzt wurde. Mit dem Ding vergößerte ich die beiden kleinen Löcher, als Schraubstock fungierten meine Oberschenkel, zwischen die ich die Bleche klemmte. Danach zwirbelte ich den etwas größeren Bohrer mit T-Griff durch die Bohrungen, die dann aber immer noch zu klein waren, um M5-Schrauben aufzunehmen. Zum Glück beinhaltete der Kasten noch eine kleine Rundfeile, mit der ich die Bohrungen mühselig - denn auch diese Feile war eigentlich nur für Holz geeignet - so weit auffeilte, dass die Schrauben endlich durchpassten.

Tiiiieeefstes Mittelalter :lol:, und genau deshalb bin ich noch heute stolz darauf, unter widrigsten Umständen die allerersten Schrauber-Meriten erworben zu haben. Mal abgesehen vom Materialermüdungs-Customizing der Chopperbleche...

Gruise, Paule
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14

Sonntag, 25. Dezember 2011, 09:46

Teil 13:

Wir schrieben das Jahr 1976, und wie konnte ich es nur vergessen, die wirklich allerletzte Vorstellung meiner Zehnder zu erwähnen, die sich im Sommer dieses Jahre zutrug :oops:...?! Im Hochsommer, und zwar genau zu meinem zwölften Geburtstag, ließ ich das berühmte Parkplatz-Zeitfahren seine Renaissance erleben - als Spiel zu einem ganz normalen Kindergeburtstag. Weil niemand meiner Freunde mit dem eigenen Rad erschienen war - und aus Gründen der absoluten Chancengleichheit hatte ich das ohnehin in Erwägung gezogen -, schlug ich vor, dass jeder Teilnehmer auf meiner Zehnder zu fahren hatte. Die ersten Fahrten verliefen auch problemlos, und die launische Jet-Nabe war tief in meinem Unterbewusstsein versackt.

Dann kam Kumpel Jogi an die Reihe. Der Punkt der Zwischenzeitnahme lag dort, wo die Fahrer aus der - wegen dichten Buschwerks vom Start-/Zielbereich nicht einsehbaren - Stiefelspitze auftauchten. Die Stoppuhr zeigte da immer so um die 28 bis 30 Sekunden an. 32 Sekunden, und Jogi war noch nicht zu sehen. Nanu, er war neben mir der schnellste Fahrer?! Bei 36 Sekunden machten wir uns auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. An der 90°-Kurve angelangt (dort geht es praktisch vom vorderen Teil der Sohle um die Stiefelspitze rum), dem einzigen Punkt des Kurses, an dem man wirklich voll in die
Eisen gehen musste (je später, desto besser), erblickten wir Jogi.

Er war gerade dabei, die Zehnder aus dem Stacheldrahtzaun zu bugsieren, der den dort befindlichen zweiten Teppichklopfplatz vom umliegenden
Strauchwerk trennt. Über und über mit Schürf- und Schnittwunden übersät, erklärte er, dass er beim Versuch zu bremsen plötzlich ins Leere getreten hatte :oops: :oops: :oops:. Er war locker mit über 30km/h in diesen Zaun gerast, der Lenker war samt Vorbau aus dem Gabelschaft gerissen worden. Die Zehnder war
endgültig Geschichte. Doch wieder hatte mir das Schicksal in Form dieses Teileträgers einen weiteren Umbauplan in den Kopf gesetzt. Denn trotz der mehr schlecht als recht aufgebrachten weißen Zierlinien auf dem HR-Schutzblech meines "Oldtimers" vermochte der "Spirit of the Twenties" nicht sonderlich authentisch bei mir überzuspringen.

Mit meinen Kumpels Volker (ebenfalls Fahrrad-Bastler), Jogi und Klaus hatte ich inzwischen den Fahrrad-Club "Alphas" gegründet. Auch Volker war zu einem 26"-Damenrad gekommen, an das er einen Apehanger geschraubt hatte. Und weil die Lenkerklemmschraube meines Erbstückes schließlich noch
neuwertig war, lag es nur nahe, den Zehnder-Apehanger durch den Vorbau zu fädeln, die Schutzbleche wieder zu entfernen, und schon war Bike Nr.2
einer völlig neuen Fahrzeuggattung fertig: eine "Alphas-Granate" ! Wegen der jungfräulichen Hinterrad-Nabe - ich glaube, es war eine Komet - ließen sich damit übrigens auch wieder astreine Vollbremsungen hinlegen ;) ...


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Gruise, Paule
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15

Sonntag, 25. Dezember 2011, 10:04

Teil 14:

Im Frühjahr 1977 hatte ich also die Zehnder ausgeschlachtet, und die Alphas-Granate war entstanden. Der Rennlenker des Mars sagte mir überhaupt nicht mehr zu, weshalb ich ihn gegen einen flachen Tourenbügel tauschte. Das war jetzt praktisch so was wie ein Vorläufer der heutigen Trekking-Bikes. Allzu lange sollte es aber auch bei dieser Version nicht bleiben, denn im Sommer begann die Tour de France, und wer zu dieser Zeit schon alt genug gewesen ist, um davon etwas mit zu bekommen, wird sich daran erinnern, dass ein deutscher Nachwuchsfahrer für Furore sorgte. Es war Dietrich "Didi" Thurau, der von Beginn an das Gelbe Trikot trug. Ich ließ mich vom Sog der Euphorie mitreißen, schraubte den Rennlenker wieder ans Mars und die Bleche und
den Gepäckträger ab.

Meine Mutter färbte ein weißes T-Shirt gelb, ich fuhr zu besagter Rennrad-Adresse Nr.1 und wollte mir ein TI-Raleigh-Käppi kaufen. Doch, oh Schreck, es gab keines mehr ! Irrtümlicherweise war ich davon ausgegangen, der einzige Thurau-Fan zu sein, der dieses Accessoire tragen durfte. Der Händler schlug mir eines von Molteni vor, dem Rennstall von Eddy Merckx, der ja nun auch kein schlechter Fahrer sei, wie er meinte. Notgedrungen nahm ich dieses Käppi und war fortan ein desertierter Thurau oder hatte Merckx zum Gelben Trikot verholfen. An einem Tag zeigte ich ganz besondere Präsenz in unserer Straße, indem ich mich alleine des Zeitfahr-Rundkurses annahm. Ich fuhr - ohne eine einzige Pause! - 150 Runden, was ungefähr 50km entsprach. Und die undichte Trinkflasche, die ich (ganz wie die Profis) am Unterrohr stilvoll in der passenden Halterung aufbewahrte, sabberte mir mit Apfelsaft den Rahmen voll...

Nachdem Didi auf der 15. Etappe das Gelbe Trikot abgegeben hatte, verebbte mein Fanatismus schlagartig. Zwischenzeitlich war ich zwar - besonders
beim Anblick der echten Peugeot-Rennräder in diesem Fachgeschäft - dem Glauben erlegen gewesen, in mir den deutschen Radrennfahrer der Zukunft
erkannt zu haben, doch mein Vater hatte mich, vor dem Hintergrund, dass ich ja prinzipiell eine reichlich faule Sau war, ganz schnell vom Gegenteil überzeugt gehabt. So verlor ich immer mehr das Interesse an meinem Mars und tobte fortan überwiegend mit der Alphas-Granate durch die Gegend. Zudem hatte mir der Tod eines Nachbarn meiner Oma ein altes 26"-Rixe-Damenrad in den Keller gespült. Weil es sich dabei allerdings nicht um einen Oldie im klassischen Design handelte, war das einzige Teil daran, das mein Interesse weckte, das Steuerkopfschild, denn diese hatten viele meiner Freunde und Klassenkameraden mittlerweile zu sammeln begonnen...

Gruise, Paule
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16

Sonntag, 25. Dezember 2011, 10:15

Teil 15:

Diese Steuerkopfschilder fand man - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur an älteren Rädern, und die wiederum faszinierten mich nicht nur wegen ihres nostalgischen Äußeren, sondern sie strahlten auch eine enorme Solidität aus, die nicht zuletzt dadurch unterstrichen wurde, dass sie teilweise schon 40 Jahre gefahren worden waren. Leider hatte ich davon noch nie ein neues Rad (also eines dieser speziellen Bauart) bei einem meiner bevorzugten Händler stehen sehen. Die einzigen Fahrräder, die meiner Idealvorstellung noch am nächsten kamen, waren die damals verstärkt auftauchenden Hollandräder. Sie hatten Westwoodfelgen und im Hinterrad verstärkte Speichen. Im Jahre 1978 beobachtete ich mich dabei, wie ich immer wieder bei den Händlern um diese Räder rumschlich. Die Preise für ein solches Rad mit Torpedo-Dreigangschaltung begannen bei 299 Mark. Wenn ich dann noch den
unerlässlichen Tacho hinzu rechnete, galt es, einiges an Überzeugungsarbeit bei meinem Vater zu leisten.

Anfang Juli trugen diese Bemühungen dann endlich Früchte, und ich fuhr mit meinem Vater in die Stadt zum Rennrad-Händler, der nun auch Hollandräder im Programm hatte. Und am 3.7.78 ging für mich die Sonne auf, als der Händler das Rad lieferte: ein Sportief mit Dreigangschaltung und Huret-Tacho für 322,50 Mark :D! War ich mit dem Mars schon pfleglich umgegangen, sollte dieses Rad noch eine Steigerung erfahren. Bereits die erste kleine Proberunde überzeugte mich davon, dass das schon eine andere Klasse war. Es schien aus einem Guss zu sein, da klapperte, knarzte, schliff und eierte nichts. Ich spendierte den Chromteilen sofort eine Vaseline-Schicht, um dem durch Witterungseinflüsse zwangsläufig einsetzenden Verfall erst gar keine Chance zu geben.

Und ich legte ein Fahrtenbuch an, in dem alles dokumentiert werden sollte. Bereits eine Woche später startete ich mit meinem Vater zur ersten richtig großen Tagestour. Wir fuhren von Duisburg nach Roermond (NL) und zurück, sagenhafte 161 Kilometer. Danach war mein Vater restlos fertig, aber dass er es ohne Schaltung und als ziemlich übergewichtiger Kettenraucher überhaupt geschafft hatte, bewunderte ich doch sehr. Ich hätte noch einige Kilometer dranhängen können, wenn mein Hintern nicht gewesen wäre. Die damals an Neurädern verbauten Kunststoffsättel mit mehr oder weniger dreieckiger Sitzfläche waren einfach eine Qual. Doch wir waren hart im Nehmen, denn bereits zwei Wochen später besuchten wir Verwandte im gut 120km entfernten
Warnsveld (NL) und fuhren nach einem Ruhetag auch wieder per Rad zurück.


In diesem Sommer verkaufte ich das gestrippte Mars für 80 Mark an einen Nachbarsjungen. Als der davon Wind bekommen hatte, dass ich auf alte Räder stehe, bot er mir das sehr gut erhaltene Vorkriegsrad - ein 26"-Damenrad, dessen Marke mir leider entfallen ist - seiner Mutter an, die es wohl von ihrer Mutter übernommen hatte. Der Preis: 80 Mark :lol:. Ich besaß nun vier Fahrräder, fuhr aber fast nur mit dem Sportief, weil das das Beste war und als einziges einen Tacho hatte. Der Nimbus erstklassiger Qualität erhielt einen ersten Kratzer, als ich wegen einer Reifenpanne das Hinterrad ausgebaut hatte und mein Blick auf die Innenseite des Schutzbleches fiel. ROST !!! Am Übergang zu den Falzen war dort nämlich mit Lack gespart worden. Ein
unhaltbarer Zustand für mich, weshalb ich Alubleche montierte. Den Wachstuch-Kettenkasten hatte ich übrigens auch direkt demontiert, da der
Hinterradausbau eine wahnsinnige Friemelei gewesen war. Die Mantelschoner fielen ebenfalls weg.

Gruise, Paule
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17

Sonntag, 25. Dezember 2011, 11:26

Teil 16:

Mein Alphas-Kumpel Volker und ich waren nun in unserer kargen Freizeit - wir besuchten beide ein Gymnasium und wurden mit
Hausaufgaben nur so überschüttet - nur noch mit den Rädern unterwegs. Wir hatten mitbekommen, dass Herr W., ein älterer Herr und Volkers Nachbar, ebenfalls mit dem Rad im selben Waldgebiet seine Runden drehte wie wir. Er fuhr ein 1937er Brennabor mit einer eigentümlichen Vorderradfederung, tagaus, tagein, bei jedem Wetter. Wir hingen wie die Kletten an ihm und lauschten seinen Geschichten, und sein Rad besaß eine unglaubliche Ausstrahlung mit seiner in Jahrzehnten erworbenen Patina. Ich beschloss, ein "Konstruktionsmerkmal" zu übernehmen, bei dem es sich um die Anbringung des Dynamos am Hinterbau handelte.

Die Halterung dafür gab's im Fachhandel, und der Umbau war schnell erledigt. Nun störte mich aber die an der Gabel angepunktete und jetzt überflüssige Originalhalterung so sehr, dass ich sie entfernte. Und da ich immer noch keine Säge mein Eigen nannte, kam wieder die erprobte Materialermüdungstechnik zum Zuge; mit der Wasserpumpenzange bog ich das Teil so lange hin und her, bis es sich gelöst hatte. Doch, oh Schreck - es waren zwei Löcher in der Gabel entstanden ! Ich besorgte schleunigst einen schweineteuren Zweikomponentenkleber, um die Löcher damit zu verschließen, aber der Versuch schlug fehl . Ich durchkramte den Keller nach geeignetem Material und entdeckte eine angebrochene Packung Gips. Nachdem ich mir die Gebrauchsanweisung zu Gemüte gezogen hatte, mischte ich das Pulver mit Wasser und schmierte das Zeug in die Löcher.

Danach kaufte ich im Auto-Zubehörhandel einen metallicgrünen Tupflack von Ford, der dem Hollandrad-Grün in etwa entsprach, und "lackierte" die Stelle. Fachmännisch war das ganz und gar nicht, aber komischerweise hielt die Sache. Die nächste Baustelle war der leichte Seitenschlag in der Hinterradfelge, der sich durch das Übersehen eines Schlaglochs ergeben haben musste. Der Schlag war echt nicht groß, störte mich aber so sehr, dass ich einen Speichenschlüssel kaufte und mich ans Werk machte. Meine "Logik" sagte mir, dass, wenn alle Speichen gleich klangen, das Rad rund laufen müsste. Ich fing am Ventil an und arbeitete mich Speiche für Speiche vorwärts. Um es kurz zu machen: Als der fertig gestimmte Bereich der Felge die Hinterbaustreben erreicht hatte, ließ sich das Rad nicht mehr weiter drehen !

Voller Panik rannte ich nach oben und bat meinen Vater um Hilfe, der es tatsächlich schaffte, aus dem Chip wieder ein Rad zu machen. Astrein lief das Rad aber immer noch nicht, was mich dazu bewog, so lange rumzunerven, bis mein Vater mit mir - er auf seinem Rad mit dem HR in der Hand, ich auf der Alphas-Granate - zum Händler fuhr und dort fragte, was zu machen sei. Durch meine Vorarbeit war nichts mehr zu retten, weshalb die Nabe mit neuen Speichen und einer neuen Felge neu eingespeicht wurde. Der Händler schien gute Arbeit geleistet zu haben, denn fortan sollte ich keine Probleme mehr mit "Achtern" haben...

Gruise, Paule
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18

Sonntag, 25. Dezember 2011, 11:32

Teil 17:

Trotzdem schlich ich weiterhin durch die Fahrradläden, war auf der Suche nach dem ultimativen "Rad für die Ewigkeit", mit dem ich alt werden wollte. Während unserer Fahrten auf der Suche nach Steuerkopfschildern - wir verfolgten wirklich jeden Opa auf einem
alten Rad, an dem solch ein Schild vorhanden war - hatten wir ein ganz besonders altes Exemplar aufgetan. Das Schild fehlte zwar, doch das Rad sah älter aus als die üblichen Vorkriegs-NSUs, -Rabeneicks, -Dürkopps und wie sie alle hießen. Es hatte was Museales, ja schon Fossiles. Wir erfuhren, dass es von 1919 war und Wulstfelgen hatte; der Rahmen war nicht wie üblich gemufft, sondern innengelötet. Mein Sportief würde ein solches Alter bestimmt nie erreichen. Ich brauchte einfach was wirklich Gutes...!

Zuerst fiel mir bei Kuhnen - damals dem Fahrradgeschäft im Duisburger Süden - ein ziemlich edles Peugeot-Tourenrad auf, das über 500 Mark kostete. Aber das hatte beinahe schon was Aristokratisches, war mir zu grazil, da fehlte einfach diese ursolide Aura. Doch dann hatte auch dieser Händler Hollandräder in sein Programm aufgenommen, und die Auswahl war größer als die bei HeiGei, dem Rennradspezialisten in der City. Ich entdeckte ein maroon-farbenes Burgers mit Edelstahl-Westwoodfelgen und als I-Tüpfelchen einem echten metallenen Steuerkopfschild statt eines Aufklebers! Das war ein echtes, ein qualitativ hochwertiges Hollandrad! Und es standen 499 Mark auf dem Preisschild.

Vollkommen blödsinnig, meinem Vater davon zu erzählen, denn wenn ich in der Schule nicht gerade Mist baute, träumte ich von Fahrrädern oder las MAD-Hefte, weshalb ich ein richtig mieser Schüler geworden war. So mies, dass ich noch vor Schuljahresende zur Hauptschule wechselte. Aber das alles war absolut egal, da der Zeitpunkt meiner Konfirmation näher rückte, mit der ein ziemlicher Geldsegen über mich herein brechen würde. Obwohl meine
Verwandtschaft ihre Geldgeschenke zwischen meiner Schwester und mir aufteilen musste, waren es 750 Mark, die ich einstreichen konnte. Leider
hatte ich als Minderjähriger keine Verfügungsgewalt darüber, und es sollte noch bis zum 29.9.1979 dauern, als mein Vater endlich grünes
Licht gab.

Für 522,50 Mark (natürlich wieder mit Huret-Tacho) kaufte ich dieses Burgers und fühlte mich wie ein König :D!

Gruise, Paule
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19

Sonntag, 25. Dezember 2011, 11:53

Teil 18:

Der Herbst war eingekehrt, und wir hatten eine neue Clique gebildet. Wenn ich noch mit dem Rad unterwegs war, dann nur mit Volker, doch meistens zogen wir mit sechs bis acht Jungs durch die Straßen und loteten Gelegenheiten aus, die Spaß versprachen. Mit Volker fuhr ich in diesem Herbst/Winter 1979/80 oft durch den Wald, wo wir nach "Schächten" suchten. Es handelte sich dabei um kleine unterirdische Räumlichkeiten, in denen sich irgendwelche Rohre und Ventile verbargen. Von oben erkannte man sie an einer kleinen Betonumrandung, die mit einer Stahlblechplatte abgedeckt war. Diese Platten abzuschließen, hielt man seitens der Stadt wohl für überflüssig.

Sie waren lediglich mit einigen M10- oder M12-Schrauben gesichert, was reichen sollte, weil niemand vermutete, dass jemand mit entsprechendem Werkzeug im Wald unterwegs war. Wir hatten es natürlich dabei und öffneten jeden Schacht, den wir fanden . Aber das nur am Rande. Viel gefahren bin ich in dieser Zeit jedenfalls nicht, zumal der Winter auch einiges an Schnee brachte. Am 28.1.80 endete meine Zeit mit dem Burgers schlagartig, als mir ein Autofahrer die Vorfahrt nahm. Ich war mit zwei stark geprellten Füßen und einigen kleineren Blessuren davon gekommen, doch mein Rad hatte
einen Totalschaden erlitten, wie ich sofort erkannte, nachdem ich unmittelbar nach dem Crash zu ihm geeilt war.

Eine Gabelscheide war unter dem Gabelkopf rechtwinklig weggeknickt, in ihr hing noch das völlig intakte Vorderrad. Der Rahmen war im Tretlagerbereich total verzogen, die Hinterradfelge glich einer Achterbahn ! Bereits am 7.2. lag die Nachricht der gegnerischen Versicherung im Kasten, mir wurden 600 Mark zugesprochen :D. Die Tingelei durch die Fahrradläden begann wieder. Diese Vorkriegsräder schwirrten ja nach wie vor in meinem Kopf herum, und ein paar Jahre zuvor hatte es die - zumindest in einigen Kaufhäusern - auch noch zu kaufen gegeben. Ich wollte es einfach nicht glauben, dass sie so sang- und klanglos verschwunden waren. Und tatsächlich sollte meine Suche belohnt werden - allerdings nicht in einem typischen Fahrradgeschäft...

Gruise, Paule
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20

Sonntag, 25. Dezember 2011, 12:09

Teil 19:

Es war am Nachmittag des 14.2.1980 bei "Ketzer & Frings", einem alteingesessenen, etwas größeren Tante-Emma-Laden, denn dort bekam man - abgesehen von Lebensmitteln und Waschpulver - alles von der Schreibtischlampe über die Waschmaschine oder Stereo-Anlage, den Rasenmäher bis hin zu Fahrrädern, die auf vielleicht 15 Quadratmetern "präsentiert" wurden. Gleich einem Dinosaurier ragte es aus dem Rest des Angebotes hervor. Schwarz und stark. Ein 28"-Transportrad mit lackierten Felgen uuund - der absolute Hammer - 3mm-Speichen und einer überdimensionierten Vorderradnabe mit Öler! Das musste es sein! Ich erklärte dem Verkäufer, dass ich zwar noch nicht voll geschäftsfähig, die Erlaubnis der Eltern jedoch nur eine reine Formsache sei und bat ihn, das Rad für mich zu reservieren. Was er auch tat, wobei ich heute glaube, dass sich sowieso niemand anders dafür interessierte.

Am 22.2. war das Geld der Versicherung auf dem Konto meines Vaters, am 23. fuhr ich zum Händler, legte 250 Mark auf den Tresen, und am 25. konnte ich das Schlachtschiff abholen. Ohne Schaltung und auch ohne Tacho. Warum ich die Torpedo-Dreigangnabe und den Tacho erst drei Tage später nachrüsten ließ, weiß ich heute nicht mehr. Insgesamt belief sich der Preis auf 318 Mark (Schaltungsaufpreis 45 Mark, der Huret-Tacho 23 Mark). Mein Glück währte allerdings nicht lange, denn - verwöhnt von der Problemlosigkeit des Burgers - es stellten sich beinahe sofort eklatante Makel heraus. Nach zwei Tagen und sagenhaften 24 Kilometern gab die Schaltung merkwürdige Geräusche von sich ! Da ich jedoch keinen Bock darauf hatte, das Rad wieder zum Händler zu bringen, tauschte ich die Nabe gegen die alte des Burgers, die beim Unfall ja nicht zu Schaden gekommen und erst 1.400km gelaufen war. Die Nabe des Transportrades war übrigens trocken!

Zwei Wochen später bemerkte ich leichtes Tretlagerspiel. Wo ich schon mal dabei war, öffnete ich es und sah, dass es ebenfalls fast trocken war. Ich fettete es und baute es wieder zusammen. Als mir beim ersten Hinterradplatten nach 422km während des Radausbaus ein Schraubenschlüssel auf die Felge fiel, gab das sofort eine Macke bis auf's blanke Metall. Der Lack war aber nicht etwa abgeplatzt, sondern eingedrückt. Die Farbe war total weich und eine Grundierung fehlte völlig . Als ich dann einmal das Vorderrad ausgebaut hatte, bekam ich es nicht mehr in die Gabel, weil diese für die Achse mit Tachoantrieb zu schmal war. So fuhr ich erst mal ohne Tacho, trieb mich aber die meiste Zeit ohnehin zu Fuß mit der Clique rum, weshalb mich das vorerst nicht weiter störte...

Gruise, Paule
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